Thalmässing: "Die Leute merken jetzt, was damals passiert ist"
Ein "Bauernfünfer", der mit einem aufwendig recherchierten Roman beeindruckt: Fritz Stiegler (2. von rechts) erfährt nach der Lesung in Thalmässing Anerkennung von Arne Zielinski, Ursula Klobe und der Bestsellerautorin Tanja Kinkel (von rechts). - Foto: Klier
Thalmässing

"Lass doch das alte Zeug ruh'n!", hatte der in Fürth geborene Autor Fritz Stiegler immer wieder gehört, als er begann, Recherchen über das damalige Arbeitserziehungslager Langenzenn bei Nürnberg anzustellen. Trotz vieler Widerstände ließ er sich nicht entmutigen. Entstanden ist schließlich ein 344 Seiten starker Roman über die ukrainische Zwangsarbeiterin Valentina.

Zur Lesung begrüßte die stellvertretende Bürgermeisterin Ursula Klobe rund 30 Interessierte im Gemeindezentrum St. Marien. Allen voran die neue Abenberger Turmschreiberin Tanja Kinkel, Verfasserin vor allem von bekannten historischen Romanen sowie den Schriftsteller Wilhelm Weglehner. Es sei die Macht der Worte, sagt Ursula Klobe, die auch heute manche Machthaber fürchteten, weshalb sie missliebige Schriftsteller einsperrten. Arne Zielinski, Geschäftsleiter der vereinten Volkshochschulen im Landkreis, zitiert Heinrich Heine: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man später auch Menschen."

Zielinski charakterisiert Fritz Stiegler als "Landwirt aus ganzem Herzen, aber Schreiber mit ganzer Leidenschaft". Tatsächlich ist Stiegler ein Vollerwerbslandwirt, der sich auf den Anbau von Haselnüssen spezialisiert hat. Seit 1989 befasst er sich mit Schreiben. Doch sein Vortrag ist eher ein Erzählen als ein Lesen - mit ausgeprägtem fränkischen Akzent. Zumeist sind seine Ausführungen nachdenklich und aufrüttelnd, aber er versteht es auch, mit feinem Humor zu unterhalten, soweit es die Thematik zulässt.

Siegler beginnt mit der Schilderung des menschenunwürdigen Transports der Zwangsarbeiter von der Ukraine nach Deutschland 1943. In Langenzenn bestand von 1943 bis 1945 ein Arbeitserziehungslager für bis zu 700 Gefangene, das nach Kriegsende schnell verschwunden und vergessen war. 50 Stockhiebe habe es "zur Begrüßung" gegeben, die Menschen seien durch Essensentzug und durch harte Arbeit "fertiggemacht" worden und hätten auf dem blanken Beton schlafen müssen. Letztlich wurden die ausgemergelten Arbeiter weggeschafft, mehr tot als lebendig. Die Großeltern hatten immer wieder von den "schlecht aussehenden Menschen" berichtet. Beim Vespern erinnerte man sich später an den französischen Gastarbeiter, ohne den der eigene Hof nicht gelaufen wäre, denn die Männer waren alle im Krieg. Als dann vor 30 Jahren im Opernhaus alte Baupläne für das Langenzenner Straflager gefunden wurden, stand für Ziegler fest, dass er darüber ein Buch schreiben würde.

Allerdings stieß er bei seinen Recherchen auf eine "Mauer des Schweigens". Doch steter Tropfen höhlte den Stein, eines Tages rief eine Frau namens Valentina aus der Ukraine an, die im Lager inhaftiert gewesen war. "Wir haben zwei Stunden lang miteinander telefoniert. Sie war Lehrerin und hat mir ihren Werdegang erzählt", berichtet Stiegler. "Sie konnte besser Hochdeutsch als ich." Die Ukrainerin hat seinerzeit bei einem Ernteeinsatz fliehen und sich bei einer Bauernfamilie als Magd bis Kriegsende verstecken können. Immer war die Familie der Gefahr ausgesetzt, dass Valentina entdeckt würde, was harte Bestrafung nach sich gezogen hätte.

Drei Jahre lang, so Stiegler, habe er für seinen Roman recherchiert, viele Zeitzeugen befragt und sich das Schreibmaschinenschreiben "o'glernt". Zwei Jahre lang habe er nach dem Telefonat übrigens nichts mehr von Valentina gehört. In der Ukraine war sie nämlich erneut in einem Lager inhaftiert gewesen.

Das Schreiben sei für ihn "Feierabendarbeit" gewesen, bei der ihm oft die Augen zugefallen seien, erzählt der vermeintliche "Bauernfünfer", als den er sich selbst bezeichnet. Nachdem er einen Verlag für sein Buch gefunden hatte, wird "Valentina" ein Erfolg: Das Buch wurde dreimal aufgelegt und sein Thema in einem Kurzfilm mit "Tatort"-Schauspielern aufgegriffen. "Die Leute merkten jetzt, was damals passiert ist", stellt Stiegler fest. "Frankreich, Deutschland und das gesamte Europa müssen stark bleiben", fordert Fritz Stiegler in engagiertem Aufruf. "Wir haben die beste Staatsform und seit 72 Jahren keinen Krieg", stellt er fest. Erst Trump und der Brexit hätten kommen müssen, damit man aufwacht. Es mache Mut, dass die Jugend für das geeinte Europa demonstriere. Man könne bei uns frei seine Meinung sagen, ohne bestraft zu werden.

Der allgemeine Tenor der anschließenden Aussprache ist, dass man sich nicht nur bei den Wahlen einbringen müsse und dass wir von unserem Reichtum etwas an Ärmere abgeben müssen. Bildung sei wichtig, um populistischen Themen wirksam zu begegnen. Dass wir trotz allem aufmerksam sein müssen, wird zudem klar. Arne Zielinski meint zum Abschluss: "Wenn am Ende mehr Fragen als Antworten übrigbleiben, dann ist es eine gute Veranstaltung gewesen."