Thalmässing: Welche Aufgaben hat ein Abgeordneter im Bundestag? Nach einem gespielten Interview füllen die Achtklässer einen Lückentext aus, in dem sie Fragen beantworten, deren Antworten im Rollenspiel zur Sprache gekommen sind.
Welche Aufgaben hat ein Abgeordneter im Bundestag? Nach einem gespielten Interview füllen die Achtklässer einen Lückentext aus, in dem sie Fragen beantworten, deren Antworten im Rollenspiel zur Sprache gekommen sind.
Setzke
Thalmässing

Wahlrecht sei Wahlpflicht, sagen Politiker gerne, schließlich dient eine breite Mehrheit für sie immer auch als Legitimation für ihre Entscheidungen. Andererseits sagte schon der britische Staatsmann Winston Churchill: „Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.“ Den Pessimismus Churchills teilt Ottmar Misoph, der Rektor, der Grund- und Mittelschule Thalmässing, nicht unbedingt. Allerdings kennt er seine Schüler: „Politisches Interesse ist nicht vorhanden“, sagt er, „das ist alles zu weit weg von ihnen.“ Doch steckt man in der Schule deshalb den Kopf nicht in den Sand, sondern versucht, die repräsentative Demokratie, wie sie in Deutschland praktiziert wird, den Jugendlichen praktisch näherzubringen. Funktionieren soll das mit der sogenannten Juniorwahl.

Die Juniorwahl ist ein Projekt zur politischen Bildung in Schulen. „Wir sind weit und breit die einzige Mittelschule, die daran teilnimmt“, sagt Misoph. „Wir probieren es jetzt einfach mal aus.“ Die Federführung für das Projekt, an dem Schüler der jetzigen Jahrgangsstufen sechs bis acht mitmachen – sie werden zum Zeitpunkt der Bundestagswahl am 24. September die Siebt- bis Neuntklässer sein – hat der Lehrer Daniel Setzke inne. Unter seiner Regie wird das vom gemeinnützigen Verein Kumulus ausgegebene Materialheft umgearbeitet. „Die Materialien sind zu schwer“, sagt Misoph, deshalb habe die Schule eigene Dateien erstellt.

Daniel Setzke jedenfalls geht zuversichtlich an das Pilotprojekt heran, das das kombinierte Mittelschulfach GSE – Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde – ergänzen soll. „In Verbindung mit einem richtigen Wahltermin ist das aber eine andere Qualität“, sagt Misoph. „Das Interesse war da“, erzählt Setzke seinen Eindruck, als er den Schülern das Projekt vorgestellt hat. „Sie finden es super, selber zu wählen.“

Das nämlich ist der Clou am gesamten Prozedere, das gerade durch den Praxisbezug Charme gewinnt: Nachdem die Schüler an das demokratische Prozedere und den Wahlvorgang herangeführt worden sind, simulieren sie den Wahlakt – und zwar äußerst realitätsnah. „Sie kriegen Wahlbenachrichtigungen und originale Stimmzettel aus dem Landkreis Roth“, sagt Misoph. Die Schüler bilden dann einerseits einen Wahlvorstand, der die Stimmen auszählt, die in der Wahlurne in der Schule liegen. Und das nur Tage vor der richtigen Bundestagswahl, die Ergebnisse werden nach Berlin übermittelt und „am Sonntag onlinegestellt“, wie Setzke weiß. Also am Abend des 24. September, des Tages der Bundestagswahl.

Bis es so weit ist, gibt es aber noch einige Dinge im Unterricht zu tun. Sprich: Die Jugendlichen werden an den demokratischen Prozess herangeführt. Wenn die Klasse als Beispiel 100 zur Verfügung gestellt bekommt, kann sie abstimmen, was mit dem Geld geschieht. „Auch in der Familie kann ich noch abstimmen“, so Misoph. Doch schon auf der Ebene der Marktgemeinde ist das gar nicht mehr so einfach. Schon kommen Mandatsträger ins Spiel in der Marktgemeinde die Gemeinderatsmitglieder, in Land und Bund die Abgeordneten im Parlament. Was aber, wenn der Wahlausschuss betrügt? Mit derlei Fragen sei er schon konfrontiert worden, erzählt Misoph. Dafür gibt es Regularien, die dies verhindern sollen. Auch ganz praktische Probleme tauchen an der Mittelschule, die bekannt ist für Ihre Inklusionsarbeit, auf: Dürfen etwa bei einer geheimen Wahl Inklusionskinder wählen, wenn sie von der Schulbegleiterin in der Wahlkabine unterstützt werden müssen?

Anschaulich dargestellt wird die politische Arbeit im Bundestag in „Applaus für Felix“, einem halbstündigen Film, der Kinder und Schüler über die Arbeit des Parlaments informiert. Er feierte erst im Juni Premiere, gehört auch nicht zu den Materialien der Juniorwahl – doch Misoph findet ihn gut, weil er gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam ist. „Es darf den Schülern nicht zum Hals raushängen.“

Rund fünf Stunden im gerade zu Ende gehenden Schuljahr, weitere fünf bis sechs Stunden Anfang des kommenden Schuljahrs will man in den außergewöhnlichen Unterricht investieren. „Wir haben nicht viel Zeit“, erklärt Misoph die Eile. Schließlich liegen zwischen Schulanfang im September und der Wahl nur wenige Tage. Bis dahin sollen die Schüler aber fitgemacht werden und im besten Fall schon mitreden können. „Sie müssen sich schon auch selbst informieren“, so Setzke, etwa entscheidende Wahlaussagen der Parteien kennen. Kurz vor der Wahl können sie sich auch im Wahl-O-Mat versuchen, einer Internetanwendung, die einem Nutzer bei seiner Wahlentscheidung helfen soll. Der Benutzer bezieht zu etwa 30 politischen Thesen durch Anklicken Stellung, gewichtet seine Antwort – und erhält als Ergebnis eine Auflistung der Parteien, die ihm laut ihrer Programmatik naheliegen.

Das gesamte Programm klingt nach ziemlich viel Holz, das die Kinder stemmen müssen. Doch Daniel Setzke fordert bei dem Thema auch „Mut zur Lücke“. Wie etwa Überhangmandate zustande kommen, müssten die Kinder nicht auch noch wissen, es gehe vielmehr um die Grundlagen. Und darum, politisches Interesse zu wecken.

Steilvorlage für Zukunftswerkstatt der Gemeinde

Die Euphorie, die der Rektor entfachen will, soll auch auf das Gemeindeprojekt überschwappen.

Denn zurzeit läuft das Projekt „Design your future“ – Jugendzukunftswerkstätten im Landkreis Roth“, das vom EU-Programm Leader unterstützt und vom Kreisjugendring fachlich betreut wird. Mit ihm sollen Kinder und Jugendliche an der Regionalentwicklung beteiligt werden, wie die Regionalmanagerin Nadine Menchen von der ErLebenswelt Roth erklärt. Und zwar auf Gemeindeebene, in Thalmässing findet die Zukunftswerkstatt am 6. Oktober statt – und damit nur kurz nach der Bundestagswahl.

Als es 2014 eine landkreisweite Jugendzukunftswerkstatt gegeben hat, habe man gemerkt, dass der Kreis vom Erfahrungshorizont schon relativ weit entfernt sei, so Menchen. Also übertrage man das Konzept jetzt auf die Gemeindeebene, 14 Kommunen wollen derartige Zukunftswerkstätten durchführen – mit Workshops zu Themen wie Schule, Freizeit, Mobilität, Umwelt und Klima. Dabei sein wird in Thalmässing dann auch die Jugendbeauftragte der Gemeinde, Eva Dorner.

Im ersten Schritt sollen die Jugendlichen ruhig Kritik üben an ihrem Heimatort. Um im zweiten Schritt, Kreativität und Fantasie zu entwickeln: Was könnte besser sein? Im besten Fall blieben Engagierte am Ball, um mit der Jugendbeauftragten zu überlegen, welche Ideen tatsächlich umgesetzt werden können, so Menchen.