Roth: Essen, schlafen und ein Dach über dem Kopf
Stockbett an Stockbett steht in der neuen Leichtbauhalle der Rother Erstaufnahmeeinrichtung, die erst am Freitag fertig geworden ist und die bis zu 150 Menschen eine Schlafmöglichkeit bietet. Viele Flüchtlinge, die hier ankommen, sind von schwer traumatisiert. Auch dieser junge Mann aus Syrien. Seinen Namen will er nicht nennen. Wie viele Flüchtlinge hat er Angst davor, dass sein Name in der Öffentlichkeit auftaucht.
Roth

 

Es brauchte nicht viel Fantasie, um auf den Gedanken zu kommen, dass dieser Empfang im Rother Flüchtlingslager nur inszeniert sein könnte. Denn kaum hatten die beiden Vertreter der Regierung von Mittelfranken damit begonnen, die Berliner Reisegruppe über die aktuelle Situation in dieser Außenstelle der Zirndorfer Erstaufnahmeeinrichtung zu informieren, da bildete sich nur ein paar Meter weiter eine ebenso große Gruppe von Flüchtlingen, die den Männern und Frauen mit den Kameras, Mikrofonen und Notizzetteln scheinbar etwas zu sagen hatte.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin kamen die Flüchtlinge schon kurz darauf heran und mischten sich unter die neugierigen Besucher, die mit einem großen Bus mitten auf das Gelände gebracht worden waren. Wie denn ihre Situation hier in der Einrichtung sei, wollte einer der Hauptstadtreporter von den Asylbewerbern wissen, die aus dem Irak stammen. Nur ein kleines Mädchen konnte mit der auf Englisch gestellten Frage etwas anfangen und übersetzte deshalb für ihre Familie und deren Begleiter. Allerdings war die Antwort ihres Vaters genau das Gegenteil, was zu einem inszenierten Empfang gepasst hätte. Denn das Mädchen sagte nur schüchtern: „Not good.“

Nicht gut: Dieser erste, beklemmende Eindruck lässt sich bei dem gut einstündigen Besuch in der Rother Erstaufnahmeeinrichtung nur schwer abschütteln. Denn was soll schon gut daran sein, wenn so viele Menschen auf dem großen Gelände nicht wissen, wie es mit ihren weitergehen soll? Wenn sie eine qualvolle Reise über tausende Kilometer hinter sich haben. Wenn sie nach ihrer Flucht aus der Heimat oft nur noch das besitzen, was sie am Leib tragen. Wenn einer von ihnen zeigt, welche Wunde ihm eine Bombe der Krieg daheim zugefügt hat. Oder wenn sich eine Familie mit acht Kindern in einer stickigen Halle einen zwölf Quadratmeter kleinen Raum teilen muss.

Dass es zugleich aber auch ziemlich gut sein kann, in dieser Erstaufnahmeeinrichtung zu sein, zeigt das Beispiel von Mohammed aus Syrien. Der junge Mann mit der weißen Trainingsjacke ist an diesem Tag erst in Roth angekommen und bezieht gerade mit sieben anderen Männern in einer der Leichtbauhallen seine Parzelle mit den vier Stockbetten und den zwei Spinden. Als die Reisegruppe an der offenen Tür vorbeikommt, hält Mohammed beide Daumen nach oben und strahlt. Und er strahlt noch immer, als es wenig später ein Wiedersehen vor dem ehemaligen Offizierskasino gibt, das inzwischen als Speisesaal dient. Auf Mohammed wartet dort ein warmes Mittagessen. Dazu gibt es noch zwei Lunchpakete, eins für das Abendessen und eins für das Frühstück.

Rund 850 Flüchtlinge – die meisten davon stammen aus Syrien – leben derzeit in der Rother Erstaufnahmeeinrichtung. Allerdings verändert sich die Zahl quasi stündlich. Denn es herrsche ein ständiges Kommen und Gehen, sagt Rainer Männer von der Regierung von Mittelfranken. Manche Flüchtlinge seien nur ein paar Tage hier, bevor sie woanders untergebracht würden. Bei der Eröffnung im September 2014 war die Einrichtung noch auf nur 550 Flüchtlinge in den ehemaligen Soldatenunterkünften ausgelegt. In der Zwischenzeit entstanden auf dem Gelände aber noch mehrere Leichtbauhallen, mit denen sich die Kapazität der Rother Einrichtung auf 1150 Asylbewerber erhöhte. Allerdings seien noch nie so viele Flüchtlinge hier gewesen, beteuert Männer. Der Höchststand vor einigen Wochen habe einmal knapp 1100 betragen.

Auch bei etwas weniger Menschen in der Rother Erstaufnahmeeinrichtung erstreckt sich die Essensausgabe jeden Mittag über zwei Stunden. Viertel vor Zwölf bildet sich schon eine Schlange vor dem Offizierskasino. „Zu essen gibt es, was alle essen können“, erklärt Rainer Männer. Hühnchen, Couscous, Reis oder Kartoffeln. Für die Mitarbeiter der Einrichtung kommt dasselbe auf den Tisch wie für die Flüchtlinge. Manchen schmeckt es, manchen weniger. Genauso sei es mit der Einrichtung an sich. „Wir erleben Dankbarkeit genauso wie Unzufriedenheit“, sagt Männer, der bei manchen Flüchtlingen auch eine gewisse Erwartungshaltung festgestellt hat, die sich manchmal eben nicht erfülle. So hatte sich die Gruppe um das irakische Mädchen vom Beginn des Besuchs nicht über die Einrichtung an sich beklagt, sondern vor allem über das schlechte Wetter und das fehlende WLAN in der Erstaufnahmeeinrichtung. Ein anderer Iraker rief dagegen der Journalistengruppe beim Rundgang zu: „Good food and good camp.“ Gutes Essen und gutes Lager also.

Diesen Eindruck hat bei ihrem Besuch auch die CSU-Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler bekommen. „Es ist alles da fürs Ankommen der Flüchtlinge: Essen, Betten, ein Dach über dem Kopf und Hygiene.“ Immerhin dreimal am Tag würden die zahlreichen WC- und Duschcontainer gereinigt. Und auch für den bevorstehenden Winter sieht Mortler die Rother Einrichtung gut gerüstet. Schließlich seien die aufstellten Notunterkünfte nicht etwa nur zugige Bierzelte, sondern gut beheizte Leichtbauhallen. Und die Kleiderkammer ist gut gefüllt mit Jacken, Hosen und Schuhen.

„Für viele Leute ist das hier fast schon Luxus“, sagt Sally Nicula. Die gebürtige Irakerin, die bereits seit 15 Jahren in Roth lebt, arbeitet in der Sozialberatung der Diakonie in der Erstaufnahmeeinrichtung. „Über Weihnachten im vergangenen Jahr waren es hier nur 176 Menschen“, erinnert sie sich. Heuer werden es hingegen wohl fünfmal so viele. Ein gutes Dutzend Sprachen sprechen Nicula und ihre Kollegen, um sich um die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge zu kümmern. „Viele sind stark traumatisiert.“ Wie etwa der Junge in einer der großen Leichtbauhallen, die erst am vergangenen Freitag fertig wurde und bis zu 150 Menschen Platz bietet. Fotografieren lässt sich der junge Mann aus Syrien gerne, der neben seinem Stockbett zwei Krücken stehen hat. Aber seinen Namen will er nicht nennen, nicht einmal seinen Vornamen. Wie er haben viele Flüchtlinge Angst davor, dass ihre Namen in der Öffentlichkeit auftauchen.

Bei einigen Flüchtlingen treiben die Schicksale selbst den hartgesottenen Betreuern wie Sally Nicula die Tränen in die Augen. Manche Frauen hätten ihr nach der Ankunft in Roth berichtet, dass sie auf der Flucht vergewaltigt wurden, einige auch mehrmals. Trotz der vielen schweren Schicksale sagt Nicula jedoch: „Insgesamt glaube ich, die Menschen hier sind ganz zufrieden.“ Und sie macht nicht den Eindruck, als ob sie es nötig hätte, der Berliner Reisegruppe etwas vorzuspielen.