Roth: Sterbenden helfen statt Sterbehilfe
Franz Müntefering besucht den Raum der Stille auf der Palliativstation. Intensive Gespräche mit Kreisrat Klaus Vogel, Landrat Herbert Eckstein, Ortsverbandsvize Danielle Rodarius, Diakon Heinrich Hofbeck, Kreisrätin Christine Rodarius, Chefarzt Stephan Barthel, Hospizvereinschefin Agathe Meixner und dem pflegerischen Leiter der Palliativstation, Stefan Wiesmüller (von links), gingen voraus. - Fotos: Leykamm
Roth

Auf Einladung der Sozialdemokraten im Landkreis hat der ehemalige Bundesarbeitsminister auch bei einem Besuch der Palliativstation in der Kreisklinik klar Stellung bezogen. Sein Wort wiegt schwer. Nicht nur, weil er Vizekanzler war. Sondern weil er sich 2007 dazu entschlossen hatte, diese Position aufzugeben. Der Grund: Er wollte seine krebskranke Frau pflegen, was er dann auch bis zu ihrem Tod ein Jahr später tat. „Ich habe gelernt, dass es darauf ankommt, dem Sterbenden zu helfen.“ Für ihn persönlich sei die Zeit, in der er seine Frau gepflegt habe, eine sehr wertvolle gewesen. Müntefering sprach sogar von einem „unglaublichen Vorteil“, Menschen in den letzten Wochen ihres Lebens begleiten zu dürfen.

Der Ausdruck „Sterbehilfe“ meine hingegen etwas völlig anderes und sei deswegen auch „begrifflich ein Problem“. Doch nicht nur mit dem Wort hadert Müntefering, sondern auch mit der Denkweise dahinter. „Die Qualität unserer Gesellschaft entscheidet sich nicht daran, ob wir Selbsttötung legalisieren, sondern wie wir mit Sterbenden insgesamt umgehen,“ sagte der heute 74-Jährige. Wohlwissend, dass er allein mit dieser Wortwahl provozierte. Er ist gegen die so genannte Todespille.

Müntefering sprach fortwährend über „Selbsttötung“ und vermied es, sich auf eine Diskussion um passive oder aktive Sterbehilfe einzulassen. Er warnte aber davor, sich im gesellschaftlichen Disput zu sehr auf letztere zu versteifen. „Den Menschen, die sterben, und denen, die um sie trauern“ müsse vielmehr gezielt geholfen werden.

Eben jenen Ansatz verfolgt man auch in der Kreisklinik, wo Münteferings Worte mit großem Wohlwollen aufgenommen wurden. Hier wurde im Jahr 2006 eine Palliativstation gegründet, damals als zweite Einrichtung ihrer Art in Mittelfranken. Die Überzeugung, eine solche Station zu brauchen, habe seinerzeit den Ausschlag für sie gegeben, betonte Landrat Herbert Eckstein. Die Frage der Wirtschaftlichkeit sei zunächst eine nachrangige gewesen. Das Wagnis habe sich gelohnt: Er bekomme bezüglich keiner Landkreiseinrichtung mehr positive Rückmeldungen, so Eckstein.

Die ersten vier Jahr habe man „keine Zahlen sehen wollen.“ Langfristig stand freilich die Frage im Raum, inwieweit sich ein solches Angebot „ins Klinikgeschehen einordnen lässt“, formulierte Kreisklinikchef Werner Rupp mit Bedacht. Doch genau das „ist uns weitgehend gelungen.“

Eng arbeitet die Palliativstation mit dem Hospizverein Hilpoltstein-Roth zusammen, deren Vorsitzende Agathe Meixner die Bedenken Münteferings teilte. Die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme zu einer der beiden Einrichtungen sei hoch, dabei könnten sie dank menschlicher Nähe und Schmerztherapie neue Lebensqualität vermitteln.

Hier gelte es den Hebel anzusetzen. Viel zu oft aber greife gerade bei Älteren der Gedanke: „Ich bin nichts mehr wert und nur noch eine Last“. Wer in diese Verzweiflung stürze, so ergänzte Müntefering, frage sich dann, „ob er nicht lieber gehe solle“. Diese Haltung werde durch eine „Heroisierung der Selbsttötung“ dann noch unterstützt, bedauerte er. „Es ist eine fatale Problematik, in der wir da stehen.“ Am schlimmsten aber sei die Einsamkeit, mit der sich viele ältere Menschen konfrontiert sähen. Und dies inmitten einer so „zeitreichen Gesellschaft“.

Einen Lösungsansatz brachte Chefarzt Stephan Barthel ins Spiel: Der Palliativgedanke müsse noch stärker nach außen getragen werden. Gelinge dies, könnte sich „die Frage nach der aktiven Sterbehilfe erübrigen.“ Dabei sei es wichtig, dass das Thema „in den Mittelpunkt der Gesellschaft“ rücke, wie SPD-Kreisrätin Christine Rodarius forderte.

Das aber sei nicht einfach, wie die eigene Tochter zu bedenken gab. So gebe es Fälle, wo Angehörige einer zu Hause gepflegten Person den Pflegedienst bäten, das Auto „um die Ecke zu parken“, wie Danielle Rodarius, stellvertretende Hilpoltsteiner SPD-Orstvorsitzende, in Erinnerung rief.

Ganz im Sinne Münteferings warnten die Gesprächsteilnehmer vor einer einseitigen Betrachtungsweise. Todkranke Menschen bräuchten nicht nur Hilfe, sondern könnten auch viel geben, zum Beispiel „Glaubenskraft und Lebensmut“. Das sei auch seine Erfahrung, betonte Klinikseelsorger Heinrich Hofbeck. Das Schlusswort gebührte natürlich dem Gast, der resümierend feststellte: „Gelingendes Sterben hat etwas mit gelingendem Leben zu tun.“