Sonja Stadler-Eggel ist als Schulpsychologin für die Gymnasien Hilpoltstein und Wendelstein verantwortlich. Als Teilzeitkraft hat sie in der Woche acht Stunden Zeit, um ihrem eigentlichen Job als Schulpsychologin nachzugehen, sieben weitere Stunden unterrichtet sie Englisch. Sie ist zuständig für knapp 1500 Schüler. „Ich bin voll ausgelastet und manchmal mache ich auch Überstunden. Ich kann ja einen Schüler, der ein akutes Problem hat, nicht einfach nach Hause schicken, weil ich selbst frei hätte“, sagt Stadler-Eggel.

Dabei ist die Situation am Gymnasium Hilpoltstein im Vergleich zu anderen Bildungseinrichtungen noch „luxuriös“, wie es die Thalmässingerin bezeichnet. Denn mit Hans Seidl steht dort seit elf Jahren ein Schulseelsorger zur Verfügung, der Stadler-Eggel unterstützt. „Unsere Aufgabengebiete überschneiden sich“, sagt Seidl. Der Thalmässinger Theologe ist von der Diözese Eichstätt an der Schule angestellt. „Ich habe ein großes Stundenrepertoire für Beratungsgespräche.“

Ein Luxus, den es an kaum einem anderen Gymnasium so gibt. „Würde man das an jeder anderen Schule so machen, wäre das unbezahlbar.“ Als er anfing, hätten einfach die Umstände gepasst. „Der damalige Schulleiter Rainer Wagner war sehr interessiert an einem Schulseelsorger. Er war deshalb schon länger mit der Diözese im Gespräch.“ Schüler und Kollegen können sich am Gymnasium Hilpoltstein aussuchen, ob sie mit einem Problem zu Stadler-Eggel oder Seidl kommen. „Würde diese Arbeit nur ein Schulpsychologe machen, wäre das nie zu stemmen“, sagt Stadler-Eggel. Denn von ihrer Zeit als Schulpsychologin nehmen alleine Legasthenie-Gutachten einen großen Teil in Anspruch. „50 bis 60 Prozent macht das aus“, schätzt sie. An ihrer früheren Schule, einem Gymnasium in Altdorf, musste sie bei Beratungsgesprächen mit Wartezeiten arbeiten. „Meistens brauchen Schüler und Kollegen aber sofort Hilfe – und nicht erst in einem Monat, wenn der nächste Termin frei ist.“ An Präventivmaßnahmen, beispielsweise Kurse zum Thema Prüfungsangst, sei schon gar nicht zu denken. „Obwohl der Bedarf groß wäre und ich dann vielleicht viele Krisengespräche gar nicht führen müsste.“

Mehr Zeit wünscht sich auch Gisbert Falk, der als Schulpsychologe derzeit vier Realschulen, darunter Hilpoltstein und Roth, betreut. „Zu tun habe ich immer und Überstunden gehören dazu, aber im Vergleich zu anderen Regionen ist der Bezirk Mittelfranken ja gut aufgestellt.“ Falk unterrichtet derzeit vier Englischklassen, dazu kommen ein ganzer Tag und zwei Nachmittage, die er für seine Tätigkeit als Schulpsychologe hat. „Den größten Teil der Arbeit nehmen Legasthenie-Gutachten ein, dazu kommen etwa fünf bis acht Beratungsgespräche in der Woche.“ Auch dank seiner Lehrerkollegen kommt Falk über die Runden: „Zum Beispiel gibt es an meinen Schulen Lehrer, die sich mit Mobbing auseinandersetzen, und viele, die mich bei Legasthenie-Fällen entlasten.“ Auch die Stundenplaner und Schulleiter sowie der Landkreis Roth unterstützten ihn sehr. Will ein Schüler oder Kollege mit ihm ein längeres Gespräch führen, könne es aber schon vorkommen, dass dieser eine Wartezeit von mehreren Wochen in Kauf nehmen müsse. „Notfälle haben aber immer Vorrang.“

Was also muss passieren? Laut Hans Seidl hat ohnehin erst der Amoklauf 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt zu einem Umdenken geführt. „Ich kann mich an einen Suizidfall an meiner früheren Schule erinnern, der wurde einfach totgeschwiegen. Früher hat man Schüler und Kollegen einfach alleine gelassen.“ Stadler-Eggel und er vertreten die Meinung, dass Schulpsychologen mindestens die Hälfte ihrer Zeit ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen sollten. Auch das Beratungspersonal müsse deutlich aufgestockt werden. Momentan hat ein Schulpsychologe in Vollzeit an einem Gymnasium gerade mal vier Wochenstunden Zeit dafür. „Das ist doch der Wahnsinn“, sagt Seidl. Dieser Meinung ist auch Falk: „Wenn Schulpsychologen die Hälfte ihrer Zeit ihren eigentlichen Tätigkeiten nachgehen könnten, wäre das sinnvoll.“

Dass sich an der Situation etwas ändert, darauf setzt Stadler-Eggel wenig Hoffnung. „Die Frage ist: Will der Staat dieses Problem überhaupt erkennen“, sagt sie. „Denn er müsste dann ja auch wieder Geld in die Hand nehmen.“