Hilpoltstein: "Faszinierender Fund"
"Außergewöhnliche Funde" sind die drei Scherben von Hedwigsbechern in Hilpoltstein für den Oxford-Professor Jeremy Johns und seine Kollegin Elise Morero. Der Hedwigsbecher auf der Veste Coburg (unten) ist das Prunkstück der Sammlung und ist ab 9. Mai in der Landesausstellung zu sehen. Er soll einst im Besitz der Heiligen Hedwig von Schlesien gewesen sein. Der sächsische Kurfürst Johann Friedrich schenkte ihn später Martin Luther. - Fotos: Kofer/Haus der Bayerischen Geschichte
Hilpoltstein

Auf der ganzen Welt gibt es nur 28 dieser Scherben, drei davon wurden in Hilpoltstein gefunden. Und sie stammen alle von verschiedenen Hedwigsbechern mit verschiedenen Motiven. "Eine außergewöhnliche Konzentration", sagt Johns. Die Scherben sind nur zwei Zentimeter groß. Zwei davon hat Archäologe Thomas Platz auf der Hilpoltsteiner Burg ausgegraben, eine weitere fand Walter Mehl damals bei den Ausgrabungen im Schwarzen Ross. Der Hobbyarchäologe siebte gerade die Erde des ersten Suchgrabens, als ihm die spitze Glasscherbe auffiel. "Schau dir das mal an", sagte er zu Thomas Platz. 12 000 Quadratemeter Fläche haben die beiden ausgegraben, gesiebt und katalogisiert. "Eine Spinnerei", sagt Mehl. Entdeckt hat er bei dieser Sisyphosarbeit den ersten gepflasterten Zugang zur Stadt aus dem Mittelalter, eine Brauerei und viele Werkzeuge aus dieser Zeit. Doch seine weltweit bedeutendste Entdeckung war diese kleine, unscheinbare Scherbe, die aussieht wie das Stück einer zerbrochenen Colaflasche.

"Very strange objects", sagt Professor Jeremy Johns. Sehr seltsame Objekte. "Und extrem selten." Benannt sind die Becher aus dickem Glas nach der Heiligen Hedwig von Andechs, der Herzogin von Schlesien, die von 1174 bis 1243 lebte. Der Legende nach hat sich in Hedwigs Anwesenheit Wasser in Wein verwandelt. Wer die Gläser hergestellt hat und woher sie kommen ist, unklar. "No", sagt Johns schlicht, er wisse es nicht. Zusammen mit seiner französischen Kollegin Elise Morero reist er deshalb eine Woche lang durch Deutschland und untersucht verschiedene Scherben dieser Hedwigsbecher. Im Museum Schwarzes Ross betrachtet sie die Fundstücke mit einem digitalen Mikroskop und speichert die Bilder in ihrem Laptop. "Da kommt die Struktur hervorragend raus", staunt Peter Hagenmaier.

Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gibt es einen der 13 noch komplett erhaltenen Glasbecher. Auch in London, Krakau, Breslau, Halberstadt und auf der Veste Coburg sind solche exklusiven Stücke zu sehen. Meist wurden darin Reliquien aufbewahrt. Der Coburger Hedwigsbecher soll aus dem Besitz von Hedwigs Nichte, der Heiligen Elisabeth von Thüringen, stammen. Er gelangte in den Reliquienschatz der sächsischen Kurfürsten, Johann Friedrich der Großmütige schenkte es schließlich dem Reformator Martin Luther.

Woher die drei Hilpoltsteiner Hedwigsbecher stammen, ist unklar. "Die Becher kommen mit dem Geld", vermutet Archäologe Martin Ruf, der die Funde in Hilpoltstein damals dokumentiert hat. Die Herren von Hilpoltstein seien ein reiches Adelsgeschlecht gewesen, das im 13. Jahrhundert viel Geld in die Stadt gesteckt hatte. Eine komplette Stadtmauer, eine Burg und ein Herrensitz in der Stadt, eben das Schwarze Ross, waren ungewöhnlich für so eine kleine Stadt und zeugten von diesem Reichtum. "Die Hilpoltsteiner waren keine kleinen Landadeligen", sagt Ruf. Außerdem hatten sie engen Kontakt zur Herscherfamilie des deutschen Kaisers und zur Dynastie der Hohenzollern. "Eine spannende Zeit, aber vieles liegt im Dunkeln", sagt Ruf.

Das lässt sich auch über die Herkunft der Hedwigsbecher sagen. Sicher ist, dass sie nur in Europa gefunden wurden, obwohl ihre Herkunft deutlich islamische Züge hat. Lange war man wegen ihrer Herstellungsweise und dem verwendeten Glas der Ansicht, sie stammten aus Ägypten, Tunesien oder Syrien.

Derzeit geht man davon aus, dass sie in Sizilien für den Export ins christliche Abendland gefertigt wurden. Doch daran glaubt Professor Jeremy Johns nicht. Man habe dort keinen einzigen Scherben eines Hedwigsglases gefunden. Die gebe es nur in Europa. Außerdem habe dort im 12. und 13. Jahrhundert ein erbitterter Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen getobt. Da sei der Aufbau einer Exportindustrie für Luxusgüter sehr unwahrscheinlich.

Johns vermutet eher, dass die Gläser im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen hergestellt wurden. "Aber sie sehen nicht deutsch aus." Die Motive der Hilpoltsteiner Becher zeigen einen Adler, einen Greif und ein Blumenmotiv maurischen Ursprungs. Ein weiteres Rätsel gibt die Herstellung auf. Die Motive wurden ins Glas geschliffen, eine aufwendige Technik, die damals nur die Araber beherrschten. Vielleicht, so vermutet Johns, haben christliche Kreuzfahrer auf ihren Eroberungszügen islamische Sklaven zurück in ihre Heimat gebracht. Der Hilpoltsteiner Fund "hilft uns zu verstehen", sagt Johns. Es seien zwar nicht die schönsten Stücke, "aber vielleicht bringen sie die Lösung".