Greding: Eine Spur führt nach Greding
Krimiautor Richard Auer weiß seine Lesung mit Anekdoten, historischem Wissen und handfesten Geschichten zu den mitgebrachten Materialien - wie etwa seinem Fahrrad - zu ergänzen. - Foto: Leykamm
Greding

Mit ihm legt der 52-Jährige den Finger in eine Wunde, die längst nicht verheilt ist. Geschlagen wurde sie zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs, als in der Domstadt Fürstbischof Johann Christoph Westerstetten an der Macht war. Unter seiner Ägide sei das Hochstift zu einem Zentrum besagter inquisitorischer Praxis geworden. 250 vollstreckte Todesurteile kündeten hiervon. Daran erinnere heute lediglich eine Stele am sogenannten Hexenhammer, die aber kaum bekannt und nur sehr schwer auffindbar sei. Die ansonsten so geschichtsbewusste Stadt leiste sich hier "einen blinden Fleck" im Umgang mit der eigene Historie: "Diesem Defizit ist mein Buch gewidmet." Sagt der Autor, der bis vor Kurzem als Redakteur beim Eichstätter Kurier tätig war und mit Novemberbeginn als Reporter in die Zentralredaktion des Donaukurier nach Ingolstadt gewechselt ist. Durchaus eine Kampfansage, die in seinem sechsten Regionalkrimi in die gewohnt lockere Form verpackt ist. Ohne dabei die Ernsthaftigkeit des Themas zu verraten.

Denn auch der aktuelle Bezug fehlt nicht. In der Lesung erinnert Auer an den Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner, der erst in diesem Sommer unter anderem mit einer Mahnwache an das Grauen erinnerte. Er erntete "beeindruckendes Desinteresse", so Auer. Er habe sich gefragt, wie es denn wäre, wenn die Aktion ein Erfolg geworden und dann aus dem Ruder gelaufen wäre - bis hin zu einem Mord. Demgemäß trägt das Opfer im Buch auch den Namen Nikolaus Westerstetten. Er ist ein entfernter Verwandter des einstigen Fürstbischofs und als CSU-Bundestagsabgeordneter mutmaßlich tödlich an einer abschüssigen Straße verunglückt. Die Leiche wird jedoch verkohlt ganz woanders gefunden: an besagter Stele nämlich, die einen Hammer zeigt, der auf einem Ambos Lebenslinien durchschlägt. Eine Anspielung auch auf den "Hexenhammer" - ein "Fachbuch" aus dem 17. Jahrhundert, das den "richtigen Umgang" mit den Opfern der Verfolgung empfiehlt. Als die aus den anderen Büchern Auers bereits bekannten Protagonisten (die Kommissare Mike Morgenstern und Peter Hecht) am Tatort ins Philosophieren geraten, scheint zwischen den Zeilen ein versteckter Appell auf. Auch der Nachfolger des einstigen Hexenverfolgers, der heutige Bischof, solle sich der historischen Verantwortung stellen. Die Worte hört auch Gredings Stadtpfarrer Richard Herrmann, in der Pause darauf angesprochen will er sich aber nicht aus dem Fenster lehnen: "In Eichstätter Angelegenheiten mische ich mich nicht ein . . .".

Es sind aber ein kleines Stück weit auch Gredinger Angelegenheiten, wie bei der Veranstaltung der ehemalige Bürgermeister und Ehrenbürger Otto Heiß offenbart. Denn an der Außenseite des Fürstentors sei rechts ein Wappen des berüchtigten Fürstbischofs zu sehen, ebenso am Rathaus. Dessen Vorgängerbau sei zwar 1633 abgebrannt, aber man habe, so legten es die Annalen nahe, den alten Torbogen mit seinen Steinwappen für den Neubau verwendet. Um die Geschichte der Hexenverfolgung Westerstettens und den Tod von dessen spätgeborenen Verwandten versteht es Auer, zahlreiche historische, regionale und kriminologische Fährten zu legen und sie zu einem spannenden Ganzen zusammenzuführen. Wobei unter den Letzteren natürlich auch viele bewusst falsch gelegt sind, aber Existenzielles zum Inhalt beitragen. Da gibt es die rothaarige Katzenfrau, die nackt im schon im Nibelungenlied erwähnten Kelsbach bei Ettling (Markt Pförring) badet. Das Stroh, mit der die Leiche angezündet wurde, weist zu den drei Biobauern, die Einkorn anbauen. Und dann gibt es da noch die zwielichtigen Gebaren von Nikolaus Westerstetten im Bezug auf die Rüstungsindustrie. Außerdem hat der Abgeordnete seinen Vorgänger aus dem Amt gedrängt, der wiederum im Landwirtschaftsausschuss agierte.

Darüber hinaus würzt Auer die Lesung mit Bonmots rund um das Buch. Er erzählt davon, dass eine Dame bei ihm anrief, die doch tatsächlich einen Namen trägt, der auch bei "Altmühlhexen" zu finden ist, dort aber der Fantasie des Autors entsprungen ist. "Überholt" seien bereits die Szenen beim "Café am Paradeis", das es ja derzeit gar nicht so richtig gibt.

Ob Einkornbier oder Stroh, der Autor weiß seine Lesung auch mit Gegenständen zu illustrieren. Am deutlichsten gelingt ihm das mit dem eigenen Fahrrad, das er im Veranstaltungsraum parkt. Für seine Buchrecherchen habe sich das Vehikel als "das perfekte Fortbewegungsmittel erwiesen", behauptet er. Denn so kommt man auch in ganz entlegene Winkel. In einem solchen endet auch Auers aktuelles Werk. Für sein Nächstes bekommt er auch gleich Anregungen mit: Der eigentlich für die Kripo Ingolstadt arbeitende "Morgenstern muss unbedingt nach Greding!" Pfarrer Herrmann weiß auch schon wie: Die Leiche könnte inmitten des Dreiländerecks liegen und sich so über die Bezirksgrenzen verteilen - ein Fall für zwei Kommissare und einen rührigen Buchautor.