Greding: "Die goldenen Kälber gehören uns!"
Wenn der Thalmässinger Willi Weglehner aus dem Nähkästchen des Musikgeschäfts plaudert, bekommen auch Weggefährten aus den 1960er-Jahren wie Schlagzeuger Sepp Braun (links) und Bassist Dieter Brinnich (rechts) große Ohren. - Foto: Leykamm
Greding

"Das wird heute Abend eine Nähkästchenplauderei", verspricht er den gut 50 Zuhörern. Wenngleich die auf gut 250 Seiten erzählte Geschichte vom schwäbischen Hobbymusikanten Friedhelm Haberfeld freilich eine rein fiktive ist. Doch man merkt sowohl den geschriebenen Zeilen als auch der Lesung selbst an, dass hier jemand schreibt und spricht, der die Finessen der Branche der "Stars, Sternchen und Ganoven" durchlebt, aber auch durchschaut hat und ihr nun mit einigem zeitlichen Abstand - sowie einem großen Schuss Humor - begegnen kann.

Immerhin sind es schon 30 Jahre her, dass Weglehner seinen Mallorca-Hit landete. Auch zwei Rockerkollegen aus seiner Band aus den 1960er Jahren ("The Mods", in den 1970er Jahren spielte er mit "Curriculum") finden sich im Publikum: Sepp Braun (Schlagzeug) und Dieter Brinnich (Bass). Keine Gruppe, nur sein Akkordeon braucht indes Friedhelm als der Star des Buches, der sich als Künstler "Amadeus Brause" nennt - bekannt durch Auftritte bei Hochzeiten, Scheidungen und Zwangsversteigerungen. "Keine Sause ohne Brause" ist sein Motto, das aber nicht immer aufgeht. Als er wieder einmal nachsinniert über "die undankbare Welt, die er erfreuen wollte mit seinen schmissigen Weisen", hat sein Freund Knut die rettende Idee: Auf nach Mallorca! Zum Entspannen, ja - aber auch "mit Quetschkommode".

Der Inselname ist das Stichwort und das "Trio d'amore" spielt Weglehners Erfolg ein. Er selbst klatscht eifrig mit und lächelt vergnügt, als hätte er gerade einen alten Freund nach langer Zeit wiedergetroffen. Zumindest hat er sich mit dem eigenen Ausflug in die Partyschlagerwelt ausgesöhnt: "Das war 1987 und es ist mir nicht mehr peinlich!"

Seinem Friedhelm ergeht es noch besser: Mit Tasten und Balg wird er als neuer König von Mallorca gefeiert und der Kölner Produzent Didi Sole entdeckt ihn dort für seinen Talentschuppen. "Dat isn Phänomen, irchendwie mega" lässt ihn Weglehner auf "Kölsch" sagen, der bei der Lesung auch mit "Schwäbeln" glänzt und es einmal sogar schafft, es (bewusst) mit "Sächseln" zu vermischen. Das Erfolgsrezept des Amadeus der Neuzeit: Er lässt einfach die Pausen weg, was dazu führt, dass der Takt des Öfteren zwischen Walzer und Marsch hin- und herwechselt: die "Neuentdeckung des Zwiefachen."

Der Erfinder des "2,5-Vierteltakt" wird aber schnell durch die Mühlen des Showbiz gedreht. Sein größter Erfolg, das Kufsteinerlied, erfährt am Mischpult seine Wandlung und kommt bald im "wummernden discomediterranean Beat" daher, zusammen gemixt mit dem Nordklassiker "Junge, komm bald wieder".

Als das einschlägt, plant Sole den großen Wurf am heimischen Rheinufer, mit einem Dom in Blau und einem Fluss in Flammen. "Modern Stalking" darf im Vorprogramm jenes Auftritts spielen, genauso wie "Rolli Zuckero". Alle Ähnlichkeiten mit "noch lebenden Scheingestalten" seien zwar zufällig, aber beabsichtigt, kommentiert Weglehner im Buch solche Anspielungen.

Für Friedhelm eröffnet sich eine neue Welt und so sitzt er "staunend, aber reichlich peripher mit am Tisch", wenn Sole mit seinen Kollegen den Auftritt plant und jubelt: "Die goldenen Kälber gehören uns!" Der Küster des Doms hegt zwar gleich einen ganzen Leitz-Ordner voller Bedenken, doch der wird von Knut im Rhein versenkt. Der Freund Friedhelms darf darauf Gemaule von wegen Schadensersatzansprüchen anhören. Eine Frechheit, denn solche "stellen nur wir!", lässt Sole seiner Arroganz freien Lauf und stopft Amadeus in eine Weltkugel, aus der er als Star vor 4000 Leuten entsteigen soll - trotz Platzangst: Die Welt gebärt ein Genie. Doch das fällt im großen Moment einfach heraus. Bis sich der große Sänger wieder erholt hat, ist der Auftritt auch schon vorbei.

Egal - live ist hier sowieso nichts. Sole will noch mehr aus seinem Stern herausholen, schafft es, ihn zum Grand Prix zu pushen mit dem Lied "Kohlweißling und Puterrot". Es gewinnt dank Impulsgeber am Telefon und Soles gutem Kontakt zu den deutschen Juroren die nationale Vorentscheidung, beim europäischen Finale in Barcelona folgt das böse Erwachen. Es hagelt wenige bis keine Punkte, während die Gesichtsfarbe des Produzenten "sich sekündlich von kohlweiß zu puterrot" und zurück ändert, wie Weglehner genüsslich vorliest.

Der Verkauf des Stücks, das auf dem letzten Platz landet, läuft wider Erwarten optimal. Was Sole auf die Idee bringt, einen "Grand Prix de la Floppe" zu veranstalten und die größten Nichtskönner der Republik gegeneinander antreten zu lassen. Nach der ersten Show hagelt es Proteste, doch bald ist von einer Kulturrevolution die Rede und gar davon, dass "Deutschland aus seiner Nachkriegslethargie erwacht." Amadeus erobert derweil die USA, landet sogar auf der Hitparade der "Amish People" eine Nummer eins.

Als die Wellen des Big Business immer höher schlagen, geht Friedhelm aber darin unter. Er tritt die Heimreise an und tingelt mit seiner besseren Hälfte Nina via Wohnmobil durch die Lande. Denkt er an den großen Rummel von einst, merkt er: "Verarsche, ja, das war es gewesen", legt es ihm Weglehner in den Mund. Nichtsdestotrotz gelingt dem Duo in der Heimat noch einmal ein großer Erfolg mit "Lebt denn der alte Haberfeld noch"

Die Frage bleibt offen, aber ein Titel nicht ungespielt, der an diesem Abend sich förmlich aufdrängt: "Ein bisschen Frieden" lässt das Vierer-Trio erschallen, während das Publikum in eigenen Grand-Prix-Erinnerungen schwelgt.