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Greding: Mit einem Musikvideo gegen das Regime
Der Äthiopier Gadaa Robele Lamii nimmt seinen Song im Studio auf. Die Geste der verschränkten Arme ist das Erkennungszeichen des Widerstands in der Region Oromia, aus der der Sänger stammt. Bekannt wurde die Haltung durch den Marathonläufer Feyisa Lilesa, der beim Zieleinlauf bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro statt zu jubeln die Arme über dem Kopf kreuzte. - Foto: Robele Lamii
Greding

Ein Soldat setzt sich vor den Fernseher, es läuft ein Cartoon. Er nimmt sich die Fernbedienung, zappt durchs Programm und bleibt bei den Nachrichten hängen. Was er sieht, macht ihn erst nachdenklich, dann wütend: Menschen rennen, werden zusammengetrieben, darunter steht, dass eine Panik ausbrach, nachdem die Polizei Tränengas einsetzte. "Diese Bilder sind echt", sagt der 32-Jährige, "das ist im vergangenen Jahr im Oktober passiert", als Christen und Muslime gemeinsam in der Region Oromia, aus der Robele stammt, das Erntedankfest begingen. Anschließend wurde der Ausnahmezustand verhängt. Es sei nicht das erste Mal gewesen, erklärt der Asylbewerber, der in der Gemeinschaftsunterkunft in der Industriestraße lebt, dass die Sicherheitskräfte brutal gegen Demonstranten vorgingen: Bei Protesten im November 2015 erschossen Sicherheitskräfte mehr als hundert Menschen. Die Botschaft des Regimes war deutlich: Jedes Aufbegehren wird niedergeschlagen.

Ebenso unmissverständlich ist die Botschaft von Robeles Lied "Down Woyane", das der Musiker diese Woche auf Youtube veröffentlicht hat. Es kritisiert die Regierung, in der die Volksgruppe der Tigray alle wichtigen Positionen besetzt haben. Offiziell habe das Land, in dem 82 Sprachen gesprochen werden, ein parlamentarisches System, erklärt der Äthiopier, der seit 2012 in Deutschland ist. Theoretisch sollten alle vier Regionen in denen die Ethnien aus Tigray, Oromia, Amhara und Südäthiopien leben, an der politischen Macht teilhaben, was aber tatsächlich nicht so ist. Darum fühlen sich etwa die Oromo unterdrückt, die rein zahlenmäßig aber die größte Gruppe stellen.

Der Soldat im Musikvideo entscheidet sich, zu handeln, und zwar im Sinne der einfachen Bevölkerung: "Ich will, dass sich die Armee mit den Bürgern verbündet", sagt Robele, "sie sollen aufhören, auf ihre eigenen Leute zu schießen. Alle gemeinsam sollen für Freiheit, Frieden und die Zukunft kämpfen, um eine Demokratie zu schaffen, wie es sie in Deutschland gibt." Denn Robele will, auch wenn ihm die eigene Oromo-Kultur wichtig ist, nicht, dass seine Volksgruppe allein die Herrschaft übernimmt. "Wir sollten das Regime stürzen und dann zusammenkommen, um zu überlegen, wie es weitergehen soll." Dabei hofft er auch auf die Unterstützung von außen: "Ich wünsche mir, dass die deutschen Politiker aufhören, die Regierung zu unterstützen." Bei ihrem Besuch in Äthiopien im vergangenen Jahr sei Angela Merkel mit Kritik vorsichtig gewesen. Die Menschenrechtsorganisation "Privacy International" bemängelt beispielsweise, dass deutsche Software den Sicherheitskräften dabei helfe, Oppositionelle auszuspionieren. Dafür sorgen außerdem Leute, die mit den Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in der DDR vergleichbar sind. "Sie bekommen Geld dafür, dass sie Dinge über ihre Nachbarn verraten", erklärt Robele. "Menschen werden dann getötet und niemand wird zur Verantwortung gezogen."

Seine Musik sei ein Mix von traditioneller Oromo-Musik und etwas Reggae, erklärt Robele, das Lied, zu dem er das Video gedreht hat, komponierte er am Keyboard. Aufgenommen hat er den Song dann in einem Tonstudio in München. Anschließend drehte Robele gemeinsam mit elf Mitstreitern das Video. Darin überschneiden sich Szenen aus den Nachrichten mit Aufnahmen, die in Greding und Kinding gemacht wurden. "Ein Schauplatz ist beispielsweise der Kalvarienberg", erklärt er und auch unterhalb der Kindinger Felsen wurde gedreht. Was nicht gefilmt werden konnte, wurde am Computer nachbearbeitet: So gibt es etwa kurze Szenen, die die Folter von Gefangenen zeigen, über die Aufnahme wurde künstlich das Gefängnisgitter gelegt.

Dort, ist sich der Musiker sicher, würde er auch landen, würde man ihn nach Äthiopien zurückschicken. "Die Regierungsvertreter würden mir Fragen stellen, was ich in Deutschland über sie gesagt habe, meine Facebook-Seite und meine Dokumente überprüfen", ist sich der 32-Jährige sicher. "Jemand, der in der Opposition ist, gilt als Terrorist." Auch die Todesstrafe ist in Äthiopien möglich. Deserteure würden zudem mit fünf Jahren Haft bestraft. Direkt nach der Schule war Robele selbst beim Militär und fiel dort mit seiner Haltung auf. "Einmal haben sie mich geholt, um mir Fragen zu stellen. Mir wurde vorgeworfen, wie ein Oromo zu denken und es entspräche nicht der Realität, was ich über das Regime sage." Ihm sei dann die Berechtigung, seine Region zu besuchen, entzogen worden, er musste in der Hauptstadt Addis Abeba bleiben.

Provozieren wird Robele das Regime nicht nur mit diesem Video. "Ich habe schon einmal eines gedreht, es hat auf Youtube 57 000 Aufrufe gehabt", sagt er. Nicht nur dort soll der neue Clip veröffentlicht, auch über den Fernsehsender OMN (Oromia Media Network) soll der Song ausgestrahlt werden.

Wenn ihm seine Arbeit bei Mc Donald's Zeit lässt, sitzt Robele am Keyboard. "Ich habe es zu Hause in Äthiopien gelernt und damals schon auf Hochzeiten gesungen, aber nicht professionell." In Zukunft würde er gerne nach Hause zurückkehren, "um dabei zu helfen, mein Land aufzubauen". Bis dahin arbeitet er weiter an Songs, ein neues Thema ist auch schon gefunden: "Ich singe gegen die Unterdrückung von Frauen, denn das ist in Äthiopien etwas Alltägliches."