Fiegenstall: Der Schlüssel zum Lebensglück
Gut gelaunt präsentiert sich die Referentin Silke Naun-Bates bei ihrem Vortrag im KLJB-Bildungshaus. Dabei beantwortet sie auch viele Fragen aus dem Publikum. - Foto: Birkel
Fiegenstall

"Nein, mit meinem Schicksal habe ich nie gehadert, ich habe es angenommen", erzählt Silke Naun-Bates bestimmt. Das eigene Schicksal nicht anzunehmen wollen, "das ist das Hauptproblem, warum Menschen unglücklich sind", sagt die Frau - und ist damit schon bei ihrem Thema angelangt: Glück. "Das Glück ist wählbar", lautet ihre fast schon provokante These. Sie selbst jedenfalls sprudelt vor Lebensfreude geradezu über. Sie hat ihr Schicksal nämlich angenommen.

Silke Naun-Bates, 49 Jahre alt, blond, gut aussehend, sitzt in einem Rollstuhl. Plötzlich stützt sie sich mit beiden Händen auf den Tisch und schwingt ihren beinlosen Oberkörper auf die Tischplatte. Die Besucher staunen, als sie die Wendigkeit der Frau - gepaart mit leuchtenden Augen und einer herzlichen Ausstrahlung - sehen, deren Körper unterhalb des Beckens endet. Die Referentin hat keine Beine, ist im Kopf aber wahnsinnig mobil und wendig - und beginnt, ihre Geschichte zu erzählen: Als Achtjährige wurde sie von einem Zug überrollt, verlor dabei ihre Beine. Von den Prognosen, dass sie ihr Leben lang ein Pflegefall sein würde und an eine Partnerschaft oder gar eigene Kinder gar nicht zu denken brauche, ließ sie sich nicht schrecken.

Silke Naun-Bates liest Ausschnitte ihrer Geschichte vor, die sie in einem Buch veröffentlich hat. Sie erzählt von ihrer unbeschwerten Kindheit in einer Großfamilie, in der sie mit Nachbarskindern meist Tarzan oder Indianer spielte. Sie zeigt Kinderfotos von einem burschikosen, abenteuerlustigen Mädchen und verrät, dass sie unbedingt Rettungsschwimmerin werden wollte. Ihr großer Traum, der Wunsch nach einem eigenen Hund, der sich an ihrem achten Geburtstag erfüllte, sollte ihr zum Verhängnis werden. Dem Hund hinterherlaufend, rutschte sie auf dem Bahngleis aus und schaute einen Moment zu lange auf ihr blutendes Knie, so dass sie sich vor dem herannahenden Zug nicht mehr in Sicherheit bringen konnte, der ihr die Beine abtrennte.

Sie schildert die anschließende Zeit in Krankenhäusern und Rehakliniken, bis sie - ausgestattet mit einem dreirädrigen Fahrrad mit Pseudo-Beinen - wieder zu ihrer Familie zurückkam. Dass sie, wenn sie mit dem dreirädrigen Fahrrad unterwegs war, oft spaßhalber die Pseudo-Beine senkrecht nach oben stellte, bevor sie auf den Händen laufend in ein Geschäft ging, lässt nicht nur die Zuhörer schmunzeln. Auch sie selbst grinst ob ihrer Gewitztheit.

Doch Fahrrad und Beinprothesen hin oder her - am liebsten bewegte und bewegt sie sich noch heute auf den Händen, die sie mit Gummi-Cloggs schützt. Ob Mitfahren auf der Stange des Herrenrades oder mit dem Rollstuhl an Mofas hängend: Trotz zweier entscheidender Gliedmaßen weniger probierte sie alles aus, was andere Jugendliche auch machten. Sie wohnte in Wohnungen ohne Aufzug und behindertengerechter Einrichtung. Sie veranschaulicht mit Bildern, wie sie Auto fährt oder mit einem Kinderbesen den Boden kehrt.

Dass Silke Naun-Bates sehr hartnäckig sein kann und sich von nichts und niemandem von etwas abhalten lässt, das wird den Zuhörern schnell klar. Sie erzählt, dass sie heiratete und sogar zwei Kinder gebar, obwohl die Ärzte ihr aus medizinischer Sicht dringlichst davon abrieten, um ihr Leben zu schützen. "Mein Entschluss stand fest: Ich würde es probieren und mich erst wieder in der Frauenklinik melden, wenn sie mir nicht mehr raten könnten, das Kind abtreiben zu lassen. Also frühestens im 4. Monat." Sie lernte Bürokauffrau und ließ sich zur Persönlichkeitstrainerin ausbilden.

"Wie haben Sie es geschafft, sich mit ihrem Schicksal und all den Höhen und Tiefen ihre Lebensfreude zu bewahren", fragt ein Besucher. Naun-Bates überlegt kurz. "Ich habe mir einen Koffer voller Glück angelegt", sagt sie. "Mit Schätzen, die für mich wichtig sind: Dankbarkeit - für das Leben, für die Menschen, die mich durchs Leben begleiten und dafür, dass ich durch den Unfall nur die Beine verloren habe. Mut - den ich brauche, um mir selbst und anderen gegenüber ehrlich zu sein. Humor - um auch mal über mich selbst zu lachen. Und Verantwortung für mich und mein Handeln zu übernehmen und nicht Gott und die Welt für mein Schicksal verantwortlich zu machen." Die Einzige, die für ihr Glück verantwortlich sei, sei sie selbst.