Ebenried: Die Jugend setzt auf Tradition
Foto: Robert Kofer
Ebenried

"Zu Omas Zeiten wurde noch getanzt", sagt Susanne Fuchs, 27. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch dann erlahmte das Interesse an der Kirchweih. In den 70er-Jahren war sie fast vergessen. "Keiner hat mehr eine Tracht angezogen", sagt Susanne Fuchs. Als sie ein Kind war, bestand die Kerwa aus Bratwurstessen beim Wirt und einem lockeren Zusammensitzen. "Mehr war's nicht." Für die Kinder gab es eine Losbude, bei der man Wasserbomben gewinnen konnte. Eine Riesengaudi, aber für die Jugendlichen im Dorf wenig reizvoll. Eine echte Kerwa war das nicht.

"Das kann man besser machen", sagte sich Christoph Knauer, ein hemdsärmeliger, zupackender Typ, der ein Baugeschäft betreibt. Das fanden auch Susanne Fuchs und Markus Mederer, alle damals 17 Jahre alt. Sie trafen sich im alten Milchhäusl und diskutierten. Die Geburtsstunde der Wies'n-Kerwa Ebenried, die 2008 aus der Taufe gehoben wurde. Die drei jungen Leute gründeten einen Verein. "Tradition hat einen Namen: Ebenrieder Kerwaleit", heißt der Slogan. "Wir haben uns bei den Alten im Dorf umgehört", erzählt Susanne Fuchs, die zum Dirndl einen Fitness-Tracker trägt. Alte Sitten wie die feierliche Beerdigung des Kerwabären, des härtesten Kirchweihgängers, am Montagabend lebten wieder auf. Der Bär wird im Sautrog ins Zelt getragen. Nach der Verkündigung sämtlicher Sünden wird er mit Bierresten begossen. "Ein harter Wettkampf", sagt Christoph Knauer, der schon im Sautrog gelandet ist. Gewonnen haben Burschen, die auf dem Heimweg im Spielhaus des Kindergartens gestrandet sind oder beim WM-Finale, per Beamer ins Festzelt übertragen, ihren Rausch ausschliefen.

Höhepunkt der Kerwa ist das Betzenaustanzen. "Wir waren die Ersten, die Volkstänze wieder aufgeführt haben", sagt Susanne Fuchs. Einstudiert hat sie die damalige Kreisheimatpflegerin Gudrun Lachmann mit den jungen Ebenriedern. "Sie hat sich sehr viel Zeit genommen", erzählt Christoph Knauer vielsagend und lacht. Über Monate übte man Schottischen, Walzer und Dreher, die Basis aller Tänze. Die ersten Auftritte waren noch etwas holprig, doch die Gruppe hielt durch. 13 Tänze beherrscht sie mittlerweile. In den Pausen geben die Kerwaboum freche G'stanzl zum Besten, in denen sie das Dorfleben aufs Korn nehmen. Die Kerwamoidla dichten nicht. Mit Ausnahme von Susanne Fuchs. Wenn ihr Tanzpartner Christoph Knauer sie derbleckt, folgt postwendend die Retourkutsche. "Die Zeiten sind vorbei, wo man das so hinnimmt", sagt Susanne Fuchs und lacht. Knauer zuckt die Schultern: "Wir sind weltoffen, aber wir können auch ganz altmodische Hund' sein." Es klingt wie das Erfolgsrezept.

Am Anfang waren die Ebenrieder skeptisch, ob sich die Wies'n-Kerwa lange halten wird. Es gab Streit mit dem Wirt, ein Gestell für den Kerwabaum wurde verweigert. "Dann haben wir ihn eingegraben", sagt Christoph Knauer. Als die Gemeinde später ein Gestell forderte, lehnten die Kerwaleit ab.

Man bleibt traditionell - mit Erfolg. Die viertägige Wies'n-Kerwa war und ist ein Publikumsmagnet. "Zum ersten Mal seit zehn Jahren war das Zelt zur Kerwa wieder voll", erinnert sich Markus Mederer an die Anfänge. "Beim Austanzen kamen 400 bis 500 Zuschauer." Eine großartige Resonanz, wenn man bedenkt, dass Ebenried nur rund 350 Einwohner hat.

Zwei Kirchen dominieren den Ort, eine katholische und eine evangelische. Früher gab es sogar konfessionell getrennte Wirtshäuser und Kramerläden. Die erste Frage bei einer neuen Liebschaft war: Was ist er für einer? Lutheraner oder Katholik? Das ist vorbei. Obwohl der Vorstand der Ebenrieder Kerwaleit ausschließlich evangelisch ist, helfen alle mit. Der Verein hat 88 Mitglieder, jeder vierte Ebenrieder gehört dazu.

Zuletzt halfen auch vier minderjährige Asylbewerber kräftig mit. Zwei Tage lang haben sie am Zapfhahn gestanden und Bier ausgeschenkt. Ein harter Job. "Die wollen dazugehören und Deutsch lernen", sagt Susanne Fuchs. Zunächst mussten sie aber Fränkisch lernen. Der Erste, der eine Halbe wollte, bekam den Krug nur halb voll geschenkt. Und dass ein Radler auch ein Getränk sein kann, war den Asylbewerbern nicht klar. Zur Kerwa sind die jungen Asylbewerber über den Nikolausdienst gekommen, auch eine Erfindung der Kerwaleit. Sie brachten den jungen Männern Geschenke.

"Wir machen viel fürs Dorf", sagt Christoph Knauer. Nicht nur die Kerwa. Beim Advent der Lichter betreibt der Verein einen Glühweinstand. "Da haben wir die Leute nach den alten Straßennamen gefragt", erzählt Susanne Fuchs. Jetzt stehen wieder Straßenschilder wie vor der Eingemeindung 1972, alte Hausnamen sollen folgen.

Mit ihren Aktivitäten hat der junge Verein viel Schwung ins Dorf gebracht. "Es ist ein gemeinsames Wir-Gefühl gewachsen", sagt Markus Mederer, der in der Entwicklungsabteilung eines Autobauers arbeitet. "Am Anfang war es ihre Kerwa, jetzt sagen alle: Das ist unsere Kerwa." Junge und Alte kommen bei dem Fest wieder zusammen. Und auch auf dem Grillfest der Feuerwehr oder den Feiern anderer Vereine im Dorf ist wieder mehr los.

"Uns ist wichtig, dass es weiterläuft", sagt Susanne Fuchs, die wie alle im Vorstand aus Zeitmangel nicht mehr beim Austanzen dabei ist. Jedes Jahr spricht sie die Jugendlichen an und fragt, ob sie nicht mitmachen wollen. Sie wollen. "In diesem Jahr kommt ein großer Schwung", freut sie sich. "Wir machen ja nichts Altbackenes", erklärt Markus Mederer. "Die Kerwa muss ja leben."