Gebärdendolmetscherin Kathleen Entrich übersetzt für die Besucher der inklusiven Wahlveranstaltung ?Wählt Einfach!? in Hilpoltstein..
Gebärdendolmetscherin Kathleen Entrich übersetzt für die Besucher der inklusiven Wahlveranstaltung „Wählt Einfach!“ in Hilpoltstein.
Leykamm, J�¼rgen, Weimersheim
Sonst gab es eine „rote Karte“ von den fast 150 Besuchern der inklusiven Wahlveranstaltung namens „Wählt Einfach!“ im Hilpoltsteiner Residenzhof. Vertreter von sechs Parteien stellten sich dort den Fragen der Gäste mehrerer Behinderteneinrichtungen.

Das halbe Dutzend an Wahlständen bildete im Residenzhof eine „Straße der Demokratie“, die an den zahlreich besetzten Bierbänken endete. Ausbilder Johannes Haeffner von der Rummelsberger Diakonie kam die Aufgabe des Moderators zu. Damit auch jeder alles verstehen konnte, übersetzten die beiden Gebärdendolmetscherinnen Kathleen Entrich und Tatjana Mehlhorn.

Zu Beginn gab es gleich eine Überraschung. Denn die erste Frage, die aus den Reihen des Auhofs gestellt wurde, hatte nichts mit dem Thema Behinderung zu tun, sondern mit dem Thema Energie. Je eine Minute Zeit hatten die Politiker, um darauf zu antworten, wie ihre Partei sich denn die Stromversorgung für die nächste Generation vorstellt. Aus „Wind, Sonne und Abfall“, erklärte die mittelfränkische FDP-Spitzenkandidatin für den Bundestag, Katja Hessel, in einer halben Minute. CSU-Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler formulierte ebenso kurz: „Sicher, sauber und bezahlbar“ solle der Strom sein, weswegen es über eine kurze Zeit auch noch Atomstrom und Kohle als Energieträger brauche, hieß es nach insgesamt 41 Sekunden.

Die vier nachfolgenden Männer fassten sich nicht ganz so kurz, sondern schöpften ihre Minute recht gut aus. Für Grünen-Kreisrat Felix Erbe, der für die erkrankte Bundestagskandidatin Gabriele Drechsler einsprang, waren die erneuerbaren Energien natürlich ein Kernthema. Sie sollen die Gesellschaft möglichst schnell „zu 100 Prozent mit Strom versorgen“. Seine Partei möchte die „20 dreckigsten Kohlekraftwerke am liebsten sofort schließen“.

Bundestagskandidat Wolfgang Hauber von den Freien Wählern sprach sich gegen das „Fracking“ aus. Seine Partei setze auf „Sonne und Wasser“. „Noch zehn Sekunden“ deutete ihm Haeffner an, als Hauber sich anschickte, seine Aussagen genauer zu begründen. So war bald Helmut Johach an der Reihe, der für die Linke in den Bundestag will. Er monierte, dass beim Strom die Groß- auf Kosten der Kleinverbraucher entlastet würden. Bundestagskandidat Alexander Horlamus von SPD bewertete die Umstellung auf erneuerbare Energien als eine „Frage der Gerechtigkeit – eine dreckige Umwelt führt oft zu Krieg“.

Nach dieser ersten Runde war es an den Zuhörern, die Verständlichkeit der Ausführungen zu beurteilen. Viele grüne Karten hielten die Gäste nach oben, rote gab es kaum zu sehen. Diesen Test hatten die Kandidaten also bestanden. Einen anderen aber nicht: Es sei zu wenig erkennbar, wer zu welcher Partei gehört, hieß es in der Pause. Die SPD schaffte sofort Abhilfe und klebte ein kleines Plakat an ihren Bistrotisch.

Der zweite Teil behandelte die Frage aus den Reihen von Regens Wagner Zell, die sich um eine bessere Integration Behinderter auf dem Arbeitsmarkt drehte. Nun durfte Horlamus beginnen und forderte, mit der Inklusion möglichst in jungen Jahren zu beginnen, da dies die Hemmschwelle bei den Arbeitgebern senke, Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Schwelle sei derzeit noch recht groß, weshalb Johach forderte, das „Freikaufen“ von der Pflicht solcher Einstellungen für die Arbeitgeber zu erschweren.

Felix Erbe pochte auf verstärkte Qualifizierungsmaßnahmen für Behinderte sowie eine bessere Vertretung ihrer Interessen in der Gesellschaft. Wolfgang Hauber gab zu bedenken, dass die Integration in den ersten Arbeitsmarkt Zeit brauche, Experten sprächen von bis zu drei Jahren. Diese Zeit sollte auch ermöglicht werden, da sonst eine hohe Rückkehrquote in die Behindertenwerkstätten drohe.

Offen und ehrlich sprach Mortler an, dass sie selbst in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt war und so das Thema Behinderung auch aus persönlicher Perspektive kenne. Ihrer Einschätzung nach sei es nicht sinnvoll, dass alle Betroffenen auf den ersten Arbeitsmarkt drängten, auf dem großer Leistungsdruck herrsche. Es gebe ja auch sehr gute Integrationsfirmen wie jene der Arbeiterwohlfahrt (AWO) namens „Auf Draht“. Wichtig sei die Durchlässigkeit der Arbeitsmärkte, ergänzte Katja Hessel.

Die Schlussrunde beschäftigte sich auf Wunsch der Lebenshilfe mit der Barrierefreiheit. Diese solle selbstverständlich sein, wenn der Staat baue, so Erbe. Da gäbe es noch viel zu tun, ergänzte Johach. Und Hessel gestand: „Da sind wir noch nicht wirklich vorwärts gekommen.“ Ein Förderprogramm auch für private Projekte mahnte Wolfgang Hauber an. Es gelte, kommunale Behindertenbeauftragte vor Ort zu hören oder gegebenenfalls erst einmal zu ernennen, schlug Horlamus vor. In Berlin habe man schon „ein Bundesprogramm aufgelegt“, so Marlene Mortler. Probleme in Bayern bereiteten die Bahnhöfe. „In Georgensgmünd kämpfen wir schon seit Jahren.“