Eichstätt: Fiasko um Tickets fürs Löwenspiel
Foto: Marco Schneider
Eichstätt

Etwa 2800 Menschen dürfen am Tag der Deutschen Einheit ins Liqui-Moly-Stadion des VfB Eichstätt. 550 Tickets hatte der VfB dem TSV 1860 zugestanden. Sie werden von den "Löwen" direkt an deren Fanclubs im ganzen Land verteilt. Alle anderen Karten vergibt der VfB. Dass am Ende für den freien Verkauf gerade noch 600 Karten für das "einfache Volk" zur Verfügung standen, maximal vier pro Käufer, konnten gestern viele einfach nicht fassen (siehe Kasten). Diese 600 Karten wurden gestern ab Punkt 9.00 Uhr exklusiv über den Ticketservice des DONAUKURIER verkauft. Und wie schon in der gesamten laufenden Regionalliga-Saison waren an dieses System sämtliche Geschäftsstellen der Zeitung angeschlossen, von Pfaffenhofen über Ingolstadt bis Hilpoltstein.

 

Fotostrecke: Ticketverkauf VfB Eichstätt - 1860 München

Damit hatten die etwa 150 Menschen, die vor der Geschäftsstelle des EICHSTÄTTER KURIER am Marktplatz Schlange standen, freilich nicht gerechnet. Und so war die Empörung groß, als nach allenfalls 30 Minuten die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle, Claudia Menger und Marga Thiermann, an ihren Computern sahen, dass alle 600 Karten verkauft waren und nur 182 davon nach Eichstätt gegangen waren. Bei vier Karten pro Person waren also nicht einmal 50 Interessenten an die Reihe gekommen. Etwa 100 mussten unverrichteter Dinge wieder heimfahren. Die Stimmung kann man sich leicht vorstellen: "Wie die Meuterei auf der Bounty", sagte Menger. "Die Leute, die sich zwei Stunden angestellt haben, sind ultrasauer."

Der VfB-Vorsitzende Thomas Hein und Vorstandsmitglied Fred Pfaller, bei diesem Spiel zuständig für die Ticketverteilung, kamen gestern Nachmittag in die Redaktion des EICHSTÄTTER KURIER, um ihr Bedauern gegenüber den Fans, seien sie vom VfB oder von 1860, kundzutun: "Es tut uns leid, dass über 100 Leute heimgeschickt werden mussten", sagte Hein und dankte den Frauen der EK-Geschäftsstelle für ihre "hervorragende Performance", soll heißen, Nervenstärke. Es sei freilich leider absehbar gewesen, dass für viele Fans, und der überwältigende Teil der Interessenten waren "Löwen", kein Platz im kleinen Stadion an der Universitätsallee sein würde.

Dabei hatte alles so schön und harmonisch angefangen. Punkt fünf Uhr postierte sich der erste Karteninteressent vor der Eingangstür der EK-Geschäftsstelle in der Westenstraße 1: der Pensionist Josef Heiß aus Eichstätt. "Ich bin um 4.45 Uhr aufgestanden, meine Frau hat gesagt: ,Du spinnst!'." Gattin Traudl war freilich solidarisch genug, dass sie ihren Mann um 7.30 Uhr für eine halbe Stunde ablöste, damit der daheim Kaffee trinken konnte. Die Tickets sind übrigens für den Schwiegersohn in München gedacht, einen gebürtigen Schotten, der sofort bei seiner Ansiedlung in München glühender Anhänger der Sechzger geworden war und auch die Enkel für die weiß-blaue Sache gewinnen konnte: "Einmal Löwe, immer Löwe!" Gleich nach Josef Heiß kam um 5.15 Uhr Peter Wolf aus Wellheim ("Ich bin seit 60 Jahren Sechzger-Fan"), gefolgt von Charly Sandner (44), dem Ex-Präsidenten der Rupertsbucher "Berglöwen". Rund 95 Prozent der Leute in der Schlange waren Löwen-Anhänger, überwiegend aus Eichstätt und Umgebung. Um 7.45 Uhr waren es schon knapp 90 Leute, bis 9 Uhr waren es wohl 150, alle in aufgekratzter Stimmung. "Ich habe mir nie träumen lassen, dass wir irgendwann mal auf dem Dorf spielen müssen, aber das kann unsere Treue zum Verein nicht stören", stellte Langzeitfan Peter Wolf klar und zeigte auf dem Handy ein Foto seines Ford Fiesta mit dem Kennzeichen EI-PW 1860. Charly Sandner sagte: "Dass wir unsere Karten mal beim EK kaufen müssen... ja mei!" Maxi Krämer (19), seit Kindesbeinen Fan, war mit seinem Auto wegen der Karten eigens aus Fürstenfeldbruck nach Eichstätt gefahren. "In dieser Saison gehe ich zu jedem Spiel der Sechzger", sagte er.

Die Eichstätter Studentin Carmen Rosenberger stand auch weit vorne in der Schlange, ausgestattet mit einem klaren Auftrag ihres Papas von den "Rottal-Inn-Löwen" aus Simbach: vier Tickets besorgen. Sie selbst sei "solidarisch mit dem Papa", aber ihr Bruder sei ja leider ein Bayern-Fan, "das hat schon zu Familienkriegen geführt". "Überall das Gleiche", tönte es aus den Reihen der Sechzger-Fans. Ebenfalls schon seit 7 Uhr stand sich Herbert Neuwerth vom Vorstand des Löwen-Fanclubs Jura-Süd Dietfurt-Treuchtlingen die Beine in den Bauch, begleitet von drei weiteren Mitgliedern. "Wir haben 35 Dauerkarten im Grünwalder Stadion", verkündete er stolz. Aber Karten für Eichstätt seien über die Zentrale in München einfach nicht zu bekommen. Am Ende war nicht ganz klar, ob die Treuchtlinger zum Zug gekommen waren.

Josef Heiß und Charly Sandner, die Frühaufsteher, bekamen jedenfalls ihre Tickets, als noch nicht absehbar war, wie schmal das Eichstätter Kontingent war. Fred Pfaller hatte schon um halb acht am Marktplatz um Verständnis geworben, als alle noch von 600 tatsächlich vor Ort verfügbaren Karten ausgingen: Dieses Spiel sei "für alle ein Highlight - sowohl für die Fans als auch für uns als Verein. Wir als VfB wissen natürlich, dass die Situation unbefriedigend ist und wir nicht alle bedienen können." Zwei Stunden später war klar, wie viel bittere Wahrheit in diesen Worten steckte.