Eichstätt: Wie ein Blitz aus heiterem Himmel
Ein Volltreffer: Dieser kleine Bagger traf beim Löcherbohren direkt neben dem Preither Umspannwerk zwei 20 Kilovolt-Leitungen des Unternehmen N-Ergie, die nach Eichstätt führen - Foto: aur
Eichstätt
Die vier Mitarbeiter bohren derzeit mit einem Minibagger zahlreiche Löcher in den Boden neben dem Umspannwerk – dort werden später Stützen für Solarmodule verankert. Es war 14.10 Uhr, als die stählerne Bohrschnecke den Nerv der Eichstätter Stromversorgung traf. Im Boden liegen hier zwei 20 000-Volt-Stromleitungen der N-Ergie Netz GmbH, die nach Eichstätt führen und am getroffenen Punkt gebündelt verlaufen. Dieser Punkt ist somit die Achillesferse der städtischen Stromversorgung. In Teilen der Stadt kam es dadurch zum Stromausfall, den viele im ersten Moment einem Gewitter zuschrieben.

Die Stadtwerke Eichstätt wurden überrascht wie vom Blitz aus heiterem Himmel. „Wir halten bewusst zwei Kabelstränge vor, aber diese Redundanz ist nun zerstört“, schilderte Stadtwerkeleiter Wolfgang Brandl gestern fassungslos. Die Versorgung weiter Teile der Stadt wurde von einer Noteinspeisungsleitung mit begrenzter Übertragungsleistung übernommen, die von Wintershof in die Westenstraße führt.

Doch der Wechsel von einer auf die andere Leitung ist tückisch: Es kommt dabei zu Spannungsschwankungen und -spitzen im Netz – prompt gab es an zwei im Boden verlaufenden Leitungen im Stadtgebiet Kurzschlüsse. Den einen orteten die Stadtwerkemitarbeiter zwischen Pfahlstraße und der Trafostation am Spital, den anderen im Verlauf der Ingolstädter Straße. Diese Abschnitte wurden über Ringleitungen überbrückt. Dennoch gab es einige Gebiete, die bis zum späten Nachmittag noch ohne Strom waren: der E-Center und die Firma Trebbin an der Industriestraße etwa, ebenso die Agip-Tankstelle. Aber auch im Freibad ging über Stunden gar nichts mehr. Gegen 16 Uhr ließ Wolfgang Brandl die Besucher nach Hause schicken: „Ohne Strom gibt es keine Wasserumwälzung und keine Chlorung. Da kann ich den Badebetrieb nicht aufrechterhalten“, erklärte er. „Da muss ich einfach um Verständnis bitten.“

Betroffen vom Stromausfall war laut Brandl der Bereich von der Westenstraße bis etwa zur Firma Osram im Osten. Auch die Klinik Eichstätt musste reagieren. Klinikengeschäftsführer Gunther Schlosser, berichtete, die neue Notfallaggregatsversorgung sei sofort angesprungen und habe sich bewährt: „Es hat sich heute Nachmittag gezeigt, dass so ein Notfall aus heiterem Himmel eintreten kann.“

Vielerorts dauerte der Ausfall nur einen Wimpernschlag – im EDV-Zeitalter reicht das aber bekanntlich, dass überall die technischen Anlagen heruntergefahren werden. Ob an der Katholischen Universität oder in der Redaktion des EICHSTÄTTER KURIER am Marktplatz – Kollege Computer meldete sich ab. Und das nicht nur ein Mal, sondern nacheinander bis 14.45 Uhr viermal. Zeit also für eine Fahrt nach Preith. Dort steckte den vier Arbeitern von der Solaranlage der Schrecken noch in den Knochen. Einer von ihnen schilderte im Gespräch mit dem EICHSTÄTTER KURIER, er sei mit einer Schaufel direkt am Loch vor dem Bagger gestanden, als die Bohrschnecke die Mittelspannungsleitung im Boden erwischte. „Es war wie eine kleine Explosion, und dann kam Feuer raus.“ Er sei dann nach hinten gestürzt. „Ich habe den Schrecken davongetragen, aber sonst ist alles in Ordnung.“ Auch sein Kollege zeigte sich glücklich, dass bei dem Unfall niemand verletzt wurde. Das hätte auch ganz böse enden können, machte er klar und zeigte das fast armdicke Stromkabel, das sich in der mannshohen Bohrschnecke verheddert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass es sogar zwei Kabel waren. Stadtwerkeleiter Brandl erklärte zu der gewaltigen Entladung beim Riss der Leitungen: „Da kann ein Lichtbogen entstehen. Wenn er auf den Arbeiter überspringt, ist der tot.“

Der Energieversorger N-Ergie stand gestern Abend vor der schwierigen Aufgabe, die beiden zerstörten Kabel am Preither Umspannwerk wieder zu reparieren. „Wir sind da auf N-Ergie angewiesen“, sagte Brandl. Das Unternehmen gehe davon aus, dass es bis 6 Uhr morgens gelungen sei, die reguläre Stromversorgung über diese starken Leitungen wieder sicherzustellen. Bis zum Morgen brauche das Eichstätter Netz wieder die volle Leistung, so Brandl – unbedingt vor Arbeitsbeginn bei den industriellen Großverbrauchern. – Nichts für schwache Nerven.