Eichstätt: "Watschen, aber keine größeren Misshandlungen"
Haben immer wieder Kontakt: Domkapellmeister Christian Heiß und Georg Ratzinger, hier bei einer Begegnung in Rom vor 14 Tagen. Auch bei den Domspatzen waren Rudolf Pscherer (oben rechts) und der frühere Beilngrieser Hotelier Siegfried Gallus. ‹ŒArch - fotos: M. Schneider/Meßner
Eichstätt

Der wird seit Jahren, wie die ganze katholische Kirche, von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Vergangene Woche hat der vom Bistum Regensburg beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber einen ersten Zwischenbericht vorgelegt. 231 Übergriffe sind darin vermerkt, sexuelle Handlungen hätten in Etterzhausen und Pielenhofen - den Standorten der Vorschule - zwölf Betroffene gemeldet, im Regensburger Internat liegt die Zahl mit 50 deutlich darüber. Nur ein Teil der Fälle weise allerdings eine hohe Plausibilität auf, sagte Weber weiter. Mittlerweile haben sich, so schreibt die Mittelbayerische Zeitung gestern unter Berufung auf Weber, weitere Opfer gemeldet.

Dass es zu seiner Zeit im Internat in Regensburg zu Übergriffen gekommen ist, weist Eichstätts Domkapellmeister Christian Heiß auf Anfrage unserer Zeitung zurück: "Ich bin mir da auch mit meinen Schulkameraden einig: Es gab vielleicht die ein oder andere Watschen, aber keine größeren Misshandlungen." Als Internatsschüler sei man halt auch "frech" gewesen, sagt Heiß, da hätte es dann die ein oder andere disziplinarische Maßnahme gegeben. Und Domkapellmeister Georg Ratzinger konnte durchaus zornig werden, wie Heiß zu berichten weiß. Das habe er aber selbst bei seiner Abschiedsansprache vor den Domspatzen eingeräumt. Von sexuellem Missbrauch hätten allerdings weder Heiß noch seine Klassenkameraden, mit denen er sich regelmäßig austauscht, etwas gehört, so der Kirchenmusiker, der nach wie vor einen guten Kontakt zu Georg Ratzinger hält. Erst vor knapp zwei Wochen gab es während eines Privatkonzerts der Jugendkantorei der Dommusik für den emeritierten Papst Benedikt XVI. wie berichtet in Rom eine Begegnung mit dem fast 92-jährigen Bruder des früheren Pontifex. Heiß glaubt, dass die Vorfälle wie auch die mediale Aufmerksamkeit dem Chor schaden: "Die Domspatzen gelten als eine Perle in der katholischen Kirchenmusik, als Vorzeigeprojekt." Bereits bei der ersten Welle vor gut sechs Jahren habe man gespürt, dass Besorgnis und auch Zurückhaltung bei Eltern da seien. Man müsse aber unterscheiden, "was damals war und heute ist". Er habe viel Positives mitgenommen aus dieser Zeit.

Ähnlich sieht es der Beilngrieser Ex-Hotelier Siegfried Gallus. Der 61-Jährige war von 1962 bis 1964, genauso wie sein älterer Bruder, Domspatz. Schlechte Erinnerungen an die Zeit hat er nicht. "Ich habe so viel gelernt und erlebt, im positiven Sinn", sagt Gallus. Er war in dieser Zeit auch in der Vorschule in Etterzhausen, in der ein Großteil der Misshandlungen passiert sein soll. Zu acht seien sie damals im Zimmer gewesen. Auch wenn es lange her sei: "Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass etwas vorgefallen ist", sagt Gallus. "Natürlich" habe es Watschen gegeben und "auch einmal einen Schlag mit dem Taktstock", aber: "Das war an anderen Schulen zu dieser Zeit auch so."

Das bestätigt der frühere Musikpräfekt des Priesterseminars, Rudolf Pscherer. Er besuchte zehn Jahre lang, von 1958 bis 1968, die Schule der Domspatzen in Regensburg, war Vorschüler in Etterzhausen. "Erlitten habe ich selbst davon nichts", sagt Pscherer. Er könne sich aber an einen Präfekten erinnern, der durchaus härter hingelangt habe. Mit einer entsprechenden Konsequenz: "Er war nach einem Jahr wieder entlassen." Es habe eine strenge Führung geherrscht. Aber "ein Chor von dieser Qualität braucht halt auch Disziplin", sagt Pscherer - will allerdings damit keine Prügelstrafen gutheißen.

Eichstätts Domkapellmeister Christian Heiß begrüßt die Aufarbeitung der Vorwürfe. Allerdings "hätte das alles schon viel früher passieren müssen". Das scheibchenweise Offenlegen schade dem Thema.