Eichstätt: Zeit, die anderswo abgeht
Aufmerksame Zuhörer hatten Hygienefachkraft Karl-Heinz Reich-Hönning (links) und Verdi-Gewerkschaftssekretärin Arina Wolf gestern in der Klinik Eichstätt.
Eichstätt

Gewerkschaftssekretärin Arina Wolf rechnet es vor: Pro Schicht fallen gut und gerne zwei Stunden Händedesinfektion auf den Stationen an - je nach Belegung und Art und Abteilung. Und Karl-Heinz Reich-Hönning, seit sechs Jahren Hygienefachkraft an der Klinik Eichstätt, macht bei einem kleinen Workshop im Foyer vor rund 20 Angestellten deutlich: 100 000 Keime hat ein Mensch etwa auf seiner Hand. "Und nach gründlichem Händewaschen bleiben zwischen 100 und 1000 übrig." Durch eine gründliche - 30 Sekunden lange - Desinfektion mit einem entsprechenden Mittel sehe das Ganze dann schon anders aus: Da sind es dann laut Reich-Hönning noch zwischen ein oder zehn Keime. Und auch in Kösching erklärt die dortige Hygienefachkraft Monika Haid, warum eine gründliche Desinfektion so wichtig ist.

Aber, das will man auch deutlich machen an diesem Tag: Es geht nicht darum, "dass ihr das schlecht macht", betont Verdi-Vertreterin Wolf. "Dadurch, dass ihr das macht, kompensiert ihr andere Arbeitsschritte." Und, auch das unterstreicht sie genauso wie Hygienefachkraft Reich-Hönning, die Kliniken im Naturpark Altmühltal brauchen sich da offenbar nicht zu verstecken: Was die Zahl von durch mangelnde Hygiene übertragene Keime anbelangt, liegen die beiden Häuser in Eichstätt im "Null-Komma-Prozentbereich" und spielt damit deutschlandweit ganz vorne mit. Sorgen soll dieser Tag mitnichten auslösen, heißt es immer wieder. Vielmehr geht es schlicht darum, immer und immer wieder auf ein Problem aufmerksam zu machen: Durch korrekt eingehaltene Hygienevorschriften bleibe weniger Zeit für den direkten Kontakt zu den Patienten, "für das, was wir eigentlich einmal gelernt haben", ruft Wolf den Beschäftigten der Klinik zu. Daher wolle man den Tag heute nutzen, um deutlich zu machen: "Wir brauchen mehr Personal." Die Gewerkschaft fordert gesetzliche Vorgaben für die Personalausstattung in Krankenhäusern, die verbindlich, finanziert und bundesweit einheitlich sind.

Dieser Forderung schließen sich auch die Mitarbeiter nachdrücklich an. Einer, seit vielen Jahren Fachkrankenpfleger auf einer Station, sagt auch ganz unumwunden: Wenn die Betten voll belegt sind, "dann machst du halt mal nur zehn Sekunden, weil du in Gedanken schon weiter bist" - und die Arbeit muss ja trotzdem getan werden. Das ist für die Angestellten selbst unbefriedigend. Und dennoch, das hebt in der Köschinger Klinik Hygienefachkraft Monika Haid hervor: "Hygiene hat einen hohen Stellenwert."

Den Tag gestern nutzten sie aber nicht nur für theoretisches Wissen: Tagsüber lief auf mehreren Stationen sowohl in Kösching als auch in Eichstätt ein kleiner Sekundenzähler während der vorgeschriebenen Desinfektionsphasen. "Das ist eine sehr intensive Erfahrung, sich diese vorgeschriebenen 30 Sekunden bei der Desinfektion bewusst zu machen", sagt der Fachkrankenpfleger. Im Alltag bleibe das eben oft aus.

Warum kommt der Aktionstag gerade jetzt? Man will auch politisch noch vor der Bundestagswahl auf die Parteien einwirken und sich Gehör verschaffen, bringt letztlich doch das Gesundheitssystem das Pflegepersonal zur Entscheidung, "ob du dich um Patienten kümmerst oder stattdessen die Hände desinfizierst", wie es in einem Flugblatt von Verdi heiß. Durch den Aktionstag wolle man "eine wirkliche Entlastung" erwirken.

Dass man sowohl in Kösching wie in Eichstätt in die Klinik-Räume darf, heben Gewerkschafts- wie Klinikvertreter gegenüber unserer Zeitung hervor. Und, wie seitens der Gewerkschaft verlautet: Es wird nicht die letzte Aktion sein. Spätestens zu den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl will man sich ab Anfang Oktober wieder deutlich artikulieren.