Eichstätt: Warum?
Das Opfer Cornelia Lakèl (links) und der Tatort (rechts): Vertreter der Justiz, der Verteidigung und der Kriminalpolizei Ingolstadt während der Tatortbesichtigung an der Eichstätter Weinsteige - Foto: DK
Eichstätt
Der Wirt hatte die Anhalterin von der B 13 mitgebracht. Seine Freunde fielen über die junge Frau her, prügelten und quälten sie, wie sie es früher schon mit anderen Mädchen getan hatten, um sie sexuell gefügig zu machen. Danach erdrosselte einer der Männer die Frau an der Weinsteige und warf sie einen Hang hinab. An diesem Sonntag jährt sich das Verbrechen zum 25. Mal. Juristisch ist der Fall längst erledigt. Die Täter ein Wirt und ein Dachdecker aus Eichstätt sowie ein Kfz-Mechaniker und ein Schlosser aus dem Landkreis leben nach Verbüßung ihrer Strafen nicht mehr hier. Doch die emotionale Aufarbeitung dauert weiter an.

Warum? Wie oft hat die Mutter der Ermordeten diese Frage gestellt? Der Schmerz ist unvorstellbar gewesen, als Ursula Weickmann vom gewaltsamen Ende der Tochter erfuhr. Da war das Mädchen schon zwei Wochen tot und als unbekannte Leiche am Eichstätter Friedhof begraben. Aber ganz tief drin hatte sie, mit dem Instinkt einer liebenden Mutter, schon vorher gewusst, dass Cornelia nicht mehr lebte. Es passierte an jenem Abend, an dem die 18-Jährige von einem Besuch in Hamburg nach Landshut zurückkehren wollte. Doch die Tochter blieb aus. „Sie war doch immer so zuverlässig. Den ganzen Tag über war da schon so ein ungutes Gefühl in mir, das hat sich immer mehr gesteigert“, erzählt die 69-Jährige. Am Abend dann hatte sie plötzlich einen lauten Schlag vernommen, einem Donner gleich, wo doch gerade gar kein Unwetter draußen tobte. „Ich hab’ am ganzen Körper gebebt und war in einem richtigen Schockzustand.“ Später, als die Mutter die schreckliche Wahrheit erfährt, stellt sich heraus, dass sie dieses Erlebnis genau zur errechneten Todeszeit des Mädchens hatte.

Warum? Das muss sich auch die Polizei fragen lassen, die zunächst recht gelassen reagiert. Denn gleich am nächsten Tag geht Ursula Weickmann zur Landshuter Inspektion und will – voller böser Vorahnungen – Vermisstenanzeige erstatten. Doch die Beamten schicken sie weiter, wie an den folgenden Tagen auch. „Des Madl kommt scho wieder“, sagt man der Frau – bis sie sich in der ersten Juniwoche nicht mehr abwimmeln lässt und auf eine Anzeige besteht. Um dann wenig später zu erfahren, was sie längst geahnt hatte. Für die Kripo in Ingolstadt, die nach dem Auffinden der Leiche an einem Parkplatz direkt neben der B 13 fast zwei Wochen im Nebel gestochert hatte, bekommt die unbekannte Tote von Eichstätt mit der Vermissten aus Landshut plötzlich einen Namen.

Warum? Lässt dieser brutale Schmerz in ihr denn niemals nach? Die Mutter ist schwer traumatisiert. Ursula Weickmann, eine Frau, die bisher mit beiden Beinen im Leben gestanden ist, zieht es die Füße komplett weg. Freunde wenden sich ab, völlig überfordert, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit Ursula umgehen sollen. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen“, sagt die 69-Jährige. Wohl wissend, dass sie es ihnen nicht einfach gemacht hat. Das Trauma geht so weit, dass sie keinen Arzt mehr aufsucht, mehr als zehn Jahre lang. „Mich sollte keiner mehr da anfassen, wo Cornelia im Todeskampf verletzt worden ist – am Kopf, am Hals, und am Unterleib.“ Erst als sie es vor Zahnschmerzen nicht mehr aushält, geht sie zur Behandlung. „Ich hab dabei Weinkrämpfe gehabt und mir vorgestellt, wie sie der Cornelia damals die Gurgel zugedrückt haben.“ Die Absurdität ihrer Vorstellungen ist ihr zwar bewusst. „Aber das war wie ein Verfolgungswahn.“ Zwischendurch plagen Rachegedanken die Frau, ein ganz natürlicher Prozess. Der Fall Marianne Bachmeier, die 1981 im Landgericht Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter in Selbstjustiz tötete, ist Ursula Weickmann nicht nur einmal durch den Kopf gegangen. „Bei dem Prozess hätte ich oft genug die Möglichkeit gehabt, dasselbe zu tun“, sagt sie. Doch will sie sich auf dieselbe Stufe wie die Täter stellen? Nein, die Vernunft hat stets die Oberhand behalten. „Ich habe ja noch Verantwortung, eine zweite Tochter, Enkelkinder und meinen Mann.“ Heute hat die Mutter gelernt, mit ihrem Schicksal umzugehen, auch wenn der dumpfe Schmerz ihr ständiger Begleiter sein wird. „Es bleibt eine lebenslange Hypothek, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die Cornelia denke!“

Warum? Das fragt sich auch Jeannette, die vier Jahre ältere Schwester des Opfers, noch heute. „Cornelia ist doch nicht die Einzige gewesen.“ Andere Mädchen aus Eichstätt waren vor dem Mord am 26. Mai 1987 ebenfalls vom Hauptbeschuldigten Fritz M. und seinen Freunden „gepackt“ worden, wie die Männer ihr Tun beschönigend nannten. Die sexuellen Übergriffe kamen aber erst nach Cornelias Tod ans Licht. Die Opfer hatten nicht nur geschwiegen, sondern waren immer wieder in das Lokal zurückgekehrt. So, als wäre es ganz normal, zwischendurch mal von einem Gast gezwungen zu werden, ihn sexuell zu befriedigen. „Wenn da nur eine mal was unternommen hätte, wäre das mit der Cornelia nicht passiert“, sagt die Schwester. „Das ist die ganze Tragik.“

Damals, als sie von dem Mord erfahren hat, war Jeannette gerade schwanger. „Ich hab’ gehofft, dass es kein Mädchen wird, damit ihr ja nicht dasselbe passieren kann wie Cornelia.“ Es wurde ein Mädchen, und Jeannette liebt es von ganzem Herzen. „Doch die Angst ist immer da. Als sie in die Schule gekommen ist oder wie sie als Jugendliche abends weggehen wollte. Aber man muss auslassen können, sie sollen ja flügge werden.“ Die Tochter weiß natürlich vom Schicksal der Tante. Cornelia ist präsent, jetzt und immer.

Warum? Um Gottes Willen, wer macht so was? Scheinbar rechtschaffene Leute in ihrer Mitte sollen diese Grausamkeiten begangen haben? Die Bürger im katholischen Eichstätt sind zutiefst entsetzt. Über die Tat und später über das Medienecho. Von der „Mauer des Schweigens“ in der Stadt ist da die Rede. Wo das doch so verkehrt nicht ist, auch wenn von Kollektivschuld keine Rede sein kann. Aber es hat Mitwisser gegeben, die dem unvorstellbaren Treiben in dem Lokal ein Ende hätten bereiten können, lange bevor Cornelia dort gequält, missbraucht und schließlich ein paar hundert Meter weiter getötet worden ist.

Warum? Wenn es so viele Zeugen gibt, weshalb macht da keiner den Mund auf? Das hat auch Dieter Wermuth und seine Kollegen von der Kriminalpolizei gequält. Denn sie haben so gut wie keine Ermittlungsansätze. An jenem Abend des 26. Mai 1987, als Cornelias halb nackte Leiche an der Weinsteige bei der B 13 entdeckt wird, hatte der damalige Innenminister Peter Gauweiler zur Dienstversammlung ins Ingolstädter Finanzamt geladen. Die Nachricht von dem grausigen Fund platzt mitten in diese Veranstaltung. „Scheiße“, fährt es einer Ermittlerin durch den Kopf, als sie mit Kollegen am Tatort eintrifft. „So liegt niemand da, der bloß gestürzt ist. Das ist Mord“, ist ihr und den anderen sofort klar. Richtig gut läuft es anschließend nicht. Der Erkennungsdienst rückt an, doch bis die Beamten eintreffen, sind mehr Spuren vernichtet, als es noch zu sichern gibt. „Die Kollegen sind ohne Schutzanzüge rumgetrampelt und haben einiges kaputt gemacht“, erinnert sich ein Ermittler. „Da waren auch Reifenspuren da, aber die sind einfach drübergefahren.“

Hauptkommissar Wermuth ermittelt zunächst „ins Blaue hinein. Wir haben ja lange nicht mal gewusst, wer die Tote ist“. Aber es ist ein Fall, in den er sich verbeißt. Es soll fünf Jahre dauern, bis er und seine Kollegen die Täter präsentieren – einer von ihnen hatte im Rausch erzählt, beim Mord dabei gewesen zu sein. Noch während des Prozesses droht alles zu platzen, weil die anderen leugnen. „Aber plötzlich ist eine weitere Zeugin aufgetaucht, der einer der Beschuldigten die Tat gestanden hatte“, erinnert sich Leitender Oberstaatsanwalt Helmut Walter. „Das war die Wende und ein Riesenerfolg, nach so langer Zeit eine Verurteilung zu bekommen.“

Warum? Zum Motiv gibt es keine Aussagen. Diejenigen zu fragen, die Cornelia getötet und viele andere für den Rest ihres Lebens traumatisiert haben, ist nicht möglich. Sie wohnen unbehelligt irgendwo in Deutschland. Das Recht schützt sie, denn sie haben ihre Strafe verbüßt. Vielleicht würde es den Angehörigen helfen zu wissen, wie sie mit ihrer Schuld umgehen. Empfinden sie so etwas wie Einsicht oder Reue? Oder haben sie alles abgehakt, so eiskalt, wie sie bei dem Mord agierten? Vielleicht sind sie inzwischen selbst Familienväter, haben Söhne oder Töchter.

Warum? Danach werden ihre Kinder einmal fragen, wenn sie hören, dass die Männer so lange im Gefängnis saßen. Sie werden auf Antworten bestehen.