Eichstätt: Mit Aufklärung gegen Halbwissen und Vorurteile
Bei seinem Auftritt vor zahlreichen Schülern der Knabenrealschule Rebdorf warnte der Caritas-Asylberater Simon Kolbe besonders vor sozialen Netzwerken wie Facebook, in denen unreflektierte Meinungen zu Flüchtlingen tausendfach gepostet würden - Foto: Schweisthal
Eichstätt

Aus diesem Grund holte Lehrkraft Stefanie Weinretter-Riedel mit Asylberater Simon Kolbe von der Caritas einen Fachmann nach Rebdorf.

Die Aula war mit Schülern der achten bis zehnten Jahrgangsstufen fast voll besetzt, und Kolbes Anliegen war es, die vielfältigen Vorurteile rund um Flüchtlinge und deren Quellen zu entkräften. So warnte er besonders vor sozialen Netzwerken wie Facebook, in denen häufig unreflektierte Meinungen von Menschen, die überhaupt keinen Kontakt zu Flüchtlingen hätten, als Tatsachen gepostet und tausendfach unwidersprochen weiterverbreitet würden. So stimme es zwar, dass fast alle Flüchtlinge ein Smartphone besäßen, der Grund dafür sei aber das Fehlen eines intakten Festnetzes schon in der Heimat und die Tatsache, dass „für die Flucht ein internetfähiges Handy zwingend nötig“ sei. Auch seien die Preise für die häufig gebrauchten Geräte meist deutlich günstiger als bei uns. Zudem sei das Smartphone die einzige Kontaktmöglichkeit zu Familienmitgliedern, von denen man vielleicht sogar auf der Flucht getrennt wurde. Auch die Frage, warum Flüchtlinge es sich leisten könnten, Markenkleidung zu tragen, wurde auf einfache Weise erklärt: Wer in der Kleiderkammer die Auswahl hat, greife ebenso gerne wie deutsche Schüler zu Markenkleidung, um sich dem Stil seiner Mitmenschen so gut es geht anzupassen.

Als der Referent auf einen erst kürzlich geschehenen ausländerfeindlichen Vorfall in Eichstätt einging, bei dem eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit Steinen beworfen wurde, waren die Schüler sichtlich bewegt. Kolbe stellte klar, dass ein Flüchtling niemandem sein Haus, seine Kleidung oder gar seine Arbeit wegnehme, und untermauerte diese Aussage, indem er einen konkreten Einblick gab, mit welchen Menschen wir es hier zu tun haben.

Von den weltweit 60 Millionen Flüchtlingen habe Deutschland bislang die vergleichsweise überschaubare Anzahl von etwas über einer Million aufgenommen, etwa so viele wie das kleine Libanon mit nur vier Millionen Einwohnern. Auf den Landkreis Eichstätt entfielen circa 1200 Betroffene, etwa 2,9 Prozent des oberbayerischen Anteils. Am Beispiel Eritrea wurde schnell klar, wie leicht Bürger im eigenen Land von Krieg, Folter und Tod bedroht werden können: „Oft reicht es schon aus, dem falschen Stamm oder der falschen Religion anzugehören oder die falsche politische Überzeugung zu haben.“ So habe Kolbe in seinem Arbeitsalltag schon viele Menschen betreut, die auf fürchterliche Art gefoltert wurden. Vor diesem Hintergrund verwundere es nicht, dass die Menschen in ihrer Verzweiflung bereit seien, für ihre Flucht insgesamt zwischen 5000 bis 10 000 Euro aufzubringen. Dabei finanziere oft eine Großfamilie oder ein ganzes Dorf einem einzigen Mitglied die gefährliche Reise, die durchschnittlich zwölf Wochen, manchmal aber auch drei bis fünf Jahre dauern könne, wenn der Fliehende zwischendurch immer wieder Gelegenheitsarbeiten annehmen müsse, um weiteres Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Damit werde auch nachvollziehbar, warum etwa 70 Prozent der Flüchtlinge meist junge Männer seien, schließlich drohten Frauen auf der Flucht noch mehr Gefahren durch körperliche Gewalt, Versklavung, Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch durch Prostitution.

Die Probleme, mit denen die Schutzsuchenden zu kämpfen hätten, etwa Schlafstörungen, Angst vor Abschiebung, vor Gewalt, vor der öffentlichen Meinung, Antriebslosigkeit, Aggression und Suizidgefahr, aber auch Drogen- und Alkoholkonsum, träten oft erst nach und nach in Erscheinung und könnten weitere Schwierigkeiten im Gastland verursachen, „sollten von uns aber nicht als Bedrohung, sondern als Aufgabe verstanden werden, diesen Menschen zu helfen“, so Kolbe.

Abschließend erhielten die Schüler Gelegenheit, Fragen an den Referenten zu stellen, die auch offen und sachlich beantwortet wurden: Von Armut betroffenen Menschen, die nicht von Folter und Krieg bedroht seien, stünden keine Leistungen zu, der Anteil an Kriminellen bei den Flüchtlingen sei in etwa so hoch wie bei den deutschen Staatsbürgern, die Leistungen eines anerkannten Asylbewerbers entsprächen ungefähr den Leistungen nach Hartz IV: Nach Abzug einer Pauschale für Wasser und Strom blieben etwa 330 Euro für eine Einzelperson im Monat. Da Flüchtlinge im Aufnahmelager sehr gründlich untersucht würden, bestünde kein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch eingeschleppte Krankheiten – so nur einige Beispiele.

In seinen Schlussworten lobte Kolbe die Bevölkerung von Eichstätt für ihre Offenheit im Umgang mit den Flüchtlingen. Der fesselnde Vortrag endete mit einem eindringlichen Appell Kolbes an die Schüler, bei Gesprächen oder Diskussionen in sozialen Netzwerken zum Thema Flüchtlinge erst gründlich nachzudenken und sich danach zu äußern und Vorurteilen entschieden zu widersprechen.