Eichstätt: "Märchenerzähler haben einen Schoß"
Vom Film zum Buch: Professor Dr. Bernhard Meier verdiente sich als Sechsjähriger ein paar Pfennig dazu, um im Kino "Pünktchen und Anton" sehen zu können. Der Film faszinierte ihn so sehr, dass er auch das Buch las. Dem Schriftsteller ist er seither treu geblieben - zwölf Jahre lang war er Präsident der Erich-Kästner-Gesellschaft. ‹ŒF: Steimle
Eichstätt

Herr Meier, wann haben Sie mit dem Lesen begonnen?

Meier: Ich bin über den Film zum Buch gekommen, meistens ist der Weg ja umgekehrt. Den 1950 verfilmten Streifen "Pünktchen und Anton" musste ich mir als Sechsjähriger verdienen, indem ich als Bub Gräber auf dem Friedhof gegossen habe. Als ich dann ungefähr 60 Pfennig zusammenhatte, konnte ich ihn sehen. Der Film hat mich so gefesselt, dass ich darüber zum Buch gekommen bin.

Ab wann die Freude am Lesen vermittelt werden?

Meier: Im 19. Jahrhundert gab es die Theorie, dass Leseverhalten intensiv durch die Entwicklung selbst geprägt wird, man sprach damals von der sogenannten Phasenlehre. Wir sind heute dagegen der Auffassung, und das lässt sich empirisch belegen, dass Lesen in hohem Maße von sozialen Variablen abhängig ist. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich sage meinen Studenten immer, wenn ihr als künftige Deutschlehrer nicht selbst für den Bereich Literatur brennt, von dieser Droge infiziert seid, dann könnt ihr auch euren Schülern nichts vermitteln. Die Freude am Lesen beginnt aber schon viel früher, im Elternhaus der Kinder. Die ersten literarischen Propädeutiken sind Formen wie Erzählen, Gedichte vorsagen und vor allem das Vorlesen.

Warum ist Letzteres für Kinder so wichtig? Welche Fähigkeiten werden gefördert?

Meier: Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, es gibt keinen Bereich, in dem man das aussparen kann. Die Iglu- und Pisa-Tests haben bewiesen, dass manche Kinder im Zusammenhang mit kontinuierlichen fiktionalen Texten große Defizite haben. Beim Vorlesen helfe ich Kindern dabei, in ferne Welten abzutauchen, fremde Gegebenheiten, Zeiten, Räume zu erfahren, von anderen Figuren zu hören. Dadurch setze ich dem Kind ein unheimlich breites Spektrum vor. Das Vorlesen intensiviert das Sprachvermögen, stärkt das Neugierverhalten und forciert das Erinnerungsvermögen.

Jungs lesen oft weniger als Mädchen. Warum ist das so?

Meier: Die Rolle des Vorlesens übernehmen meistens die Frauen, die Mütter, die Großmütter. Davon kann man ein bisschen die These von der Weiblichkeit des Lesens ableiten. Mädchen haben quantitativ und qualitativ oft ein anderes Leseverhalten, deswegen würde meine Devise eindeutig lauten: Väter ran ans Vorlesen.

Können Hörmedien das Vorlesen ersetzen?

Meier: Kinder leben heute in einer Welt, die man nicht ohne Lese-, Schreib-, Rechen-, und ich möchte hinzufügen, Medienkompetenz meistern kann. Selbstverständlich muss man sie daher auch an Hörmedien heranführen. Diese vermögen aber die personale Kommunikation nicht immer zu ersetzen, Hörmedien bedeuten immer eine Einwegkommunikation - einer spricht und ich höre zu oder eben nicht. Man kann keine Rückfragen stellen, sich nicht geborgen fühlen. Ich hatte eine etwas gewichtige Oma, an die hab ich mich als Kind rangeschmiegt, wenn sie ein Märchen erzählt hat. Wenn darin eine gefährliche Situation entstand, dann war ich absolut sicher, gegen die Oma kommt keiner an. Märchenerzähler haben einen Schoß. Spritzendes Blut - das sehe ich zwar auch nicht, wenn ich ein Hörspiel höre, aber in diesem Bereich gibt es schon aus kommerziellen Gründen sehr schlechte Versuche, in denen das gefährliche Moment zum Tragen kommt, um Action und Spannung zu erzeugen. Ich sage also: Es kommt immer auf die Dosierung an. Hörmedien können selbstverständlich auch ein direkter Weg zum Lesen sein. Es gilt immer: Nicht das Medium ist das Problem, sondern der Mensch.

Was macht ihrer Meinung nach ein gutes Kinderbuch aus?

Meier: Ich kann mich erinnern, ich fuhr einmal um halb vier in der Früh am Leipziger Bahnhof vorbei und da standen Massen an Kindern. Ich habe mich erkundigt, was da los ist, es wurde einer der Harry-Potter-Bände vorgestellt. Das war für mich der schlagende Beweis, dass man nicht davon sprechen kann, dass nicht mehr gelesen wird. Bei Harry Potter muss man sagen: Es gelingt unendlich viel. Das Eintauchen in fremde Rollen, eine geheimnisvolle Welt, Spannung, witzige Dialoge und Fortsetzung folgt. Ich komme noch einmal auf Erich Kästner zurück: Dem ist das auch hervorragend gelungen. Auf den Unterricht bezogen sage ich: Wir müssen am Lesestoff der Kinder ansetzen. Das können Jugendzeitschriften sein, Comics, Mangas - auch in letzterem Bereich gibt es mittlerweile eine große Vielfalt, wie ich vor Kurzem auf der Leipziger Buchmesse festgestellt habe. In einigen dieser Werke wird eine hervorragende Wort-Bild Synergie hergestellt. Ein spannungsgeladener, anspruchsvoller Inhalt, ästhetisch verpackt - das ist es, was letztlich ein Buch zu einem guten Kinderbuch macht.

Das Gespräch führte Tina Steimle.