Eichstätt: Farben sprechen lassen
Skizzieren mit geschlossenen Augen: Die iranische Künstlerin Golnar Tabibzadeh (Mitte) versucht mit verschiedenen Übungen, den Flüchtlingen aus Afghanistan, Pakistan und Somalia eine Möglichkeit des Ausdrucks jenseits von Sprachbarrieren zu eröffnen. - Foto: Poese
Eichstätt

Auf dem Tisch liegen Pinsel, Holzstifte und Wachsmalkreiden verstreut. Leise Musik klingt durch den Kunstsaal. Ahmadi Ferouz hat die Augen geschlossen. Der Stift in seiner Hand wandert behutsam über das Papier. Der 18-Jährige skizziert ein Haus, einen Baum, Blumen und Strichmännchen, die sich an der Hand halten. Eine konzentrierte Stille hat sich im Raum ausgebreitet. Dann gibt Golnar Tabibzadeh mit sanfter Stimme ein paar Anweisungen. Die in Teheran aufgewachsene Künstlerin spricht mit ihren Workshopteilnehmern Farsi. Die afghanische und iranische Amtssprache verstehen fast alle im Raum. Für zwei junge Männer aus Pakistan und Somalia wiederholt sie ihre Worte noch einmal auf Englisch und Deutsch. "Öffnet Eure Augen und schaut Euch an, was ihr gezeichnet habt. Dann nehmt Euch eine neue Farbe, schließt die Augen wieder und zeichnet mit ein paar Linien, was Euch gerade durch den Kopf geht."

Ahmadi Ferouz malt seine Zukunft, wie er sie sich in Deutschland vorstellt. Eine gute Wohnung möchte der Berufsschüler einmal haben, und eine Arbeitsstelle. "Dann kann ich anderen Leuten helfen", sagt der 18-Jährige, der in der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward lebt. Unten auf seinem DIN-A3-Blatt hat er auch eine schlafende Figur gezeichnet, daneben eine Explosion. "Ich habe Alpträume von Afghanistan", erklärt er.

Mit ihrer Methode, die Golnar Tabibzadeh "Art Expression Workshops" nennt, möchte die iranische Künstlerin den jungen Leuten im Raum helfen, für ihre Gedanken und Gefühle einen Weg des Ausdrucks zu finden. Seit sieben Jahren arbeitet die 32-Jährige mit diesem Verfahren. Das Vertrautwerden mit Pinsel und Farbe steht dabei im Vordergrund. Ziel ist nicht technische Perfektion, sondern eine freie Verwendung der künstlerischen Medien. "Manche meiner Teilnehmer haben vorher noch nie Farbe angefasst", erklärt Tabibzadeh.

Die Eichstätter Initiative Tun.Starthilfe hat im April vergangenen Jahres zum ersten Mal einen Kunstworkshop für Flüchtlinge veranstaltet. Iris Pachowsky hat damals ein "offenes Atelier" angeboten - ergänzend zu Sprachkursen. "Das ist unglaublich gut angekommen", erzählt die Ehrenamtliche. Im Sommer ist die Initiative wieder am Interkultur-Open-Air beteiligt. In diesem Jahr trägt das Festival den Titel "Refugium" - Zuflucht. Der Kunstworkshop ist ein Vorgriff auf das Open-Air. Die Ergebnisse sollen während des Festes am 4. Juni im Studihaus ausgestellt werden.

In den Werken sind die Geschichten der jungen Leute deutlich erkennbar. Golnar Tabibzadeh hat ihnen die Aufgabe gestellt, jemanden zu malen, den sie wirklich mögen. "Sie sollten das gute Gefühl in Malerei übersetzen", sagt die Künstlerin. "Viele von ihnen sind emotional sehr belastet. Sie versuchen möglichst nicht daran zu denken, was sie vermissen." Durch die Aufgabe hofft sie, den jungen Männern Raum für ihre Gefühle zu geben.

Auch den Umgang mit der neuen Heimat, in der ihnen vieles so fremd ist, haben die Workshopteilnehmer künstlerisch verarbeitet. In einer Collage aus Magazinseiten sollten sie darstellen, was ihnen in Deutschland besonders exotisch erscheint. Auf den Bildern sind grüne Wiesen zu sehen, manchmal stehen Kühe darauf. Ein junger Mann springt in einen Badesee. Dazwischen Spaziergänger mit Hunden und Szenen aus dem Fasching.

Ahmadi Ferouz hat auf seiner Collage eine junge Frau zusammengesetzt. Ihr Gesicht besteht aus vielen Schnipseln, jeder hat eine andere Hautfarbe. In schon recht gewandtem Deutsch - Ferouz ist seit über einem Jahr in Eichstätt - erklärt der 18-Jährige: "Das heißt, alle Leute sind gleich. Wir leben alle in einer Welt."