Eichstätt: "Aus dem Gesundheitssystem gedrängt"
Machen sich große Sorgen um ihre Existenz als freiberufliche Hebammen in Eichstätt: (von links) Annerose Hiemer-Schneider, Juliane Bachmann, Vera Huber und Ulla Kadi. - Foto: Steimle
Eichstätt

Dass sie frustriert sind, daraus machen die vier Eichstätter Hebammen keinen Hehl: "Ich habe das Gefühl, dass man versucht, die freiberuflichen Hebammen aus dem Gesundheitssystem zu drängen", sagt Ulla Kadi. Sie ist seit 30 Jahren Geburtshelferin und kritisiert, dass ihr und ihren Kolleginnen neben den steigenden Beiträgen für die Haftpflichtversicherung nun neue Steine in den Weg gelegt werden.

Hintergrund sind die Änderungen der Vergütung von Beleghebammen, die der GKV plant und über die am 19. Mai ein Schlichterspruch entscheiden soll. Im März teilte der Spitzenverband in einer Pressemitteilung mit, dass die Beleghebammen von nun an nur noch zwei Frauen gleichzeitig in der Klinik betreuen können. Das gilt nicht für ihre festangestellten Kolleginnen: Sie dürfen weiterhin mehrere Patientinnen versorgen.

"Das bedeutet, dass ich keine Parallelleistungen mehr abrechnen kann", erklärt Juliane Bachmann. Wenn sie also zwei Frauen da habe und eine dritte anrufe, dann bekomme sie diese Beratung nicht mehr bezahlt. Noch schwieriger wird die Situation, wenn eine dritte Frau vor der Tür steht: "Wir müssten der Frau dann die Geburt privat in Rechnung stellen", sagt Ulla Kadi, "oder sie an eine andere Klinik verweisen" - eine Situation, mit der keine der insgesamt sechs Eichstätter Hebammen konfrontiert sein will. "Mit welchem Befund schicke ich die Frau weiter, wo kommt sie an", fragt Bachmann. Sie müsse eine Schwangere untersuchen, um sicherzustellen, "dass das Kind nicht im Auto oder Krankenwagen kommt". Doch auch diese Untersuchung müsste sie dann umsonst machen. Ein Hüpfen von Klinik zu Klinik - "wollen wir das den Frauen wirklich zumuten", fragt Kadi.

Der GKV argumentiere bei der neuen Reglementierung mit einer "Qualitätsverbesserung", sagt Vera Huber, was zunächst positiv klinge, "und sie haben ja auch Recht, die 1:1-Betreuung ist das Beste". Gerade in einer kleinen Klinik wie Eichstätt mit rund 390 Geburten im Jahr sei die 1:1-Betreuung aber ohnehin die Regel. Der Grund sei also ein anderer: Es gehe darum, die großen Kliniken zu stärken und die Geburtshilfe in den kleineren Häusern verschwinden zu lassen - denn eine Festanstellung lohne sich finanziell erst ab 1000 Geburten, sagt Huber. Also seien sie auf das Belegsystem angewiesen. Zudem müssten im Angestelltensystem mehr Hebammen in der Klinik arbeiten, wirft Kadi ein, "aber es herrscht sowieso schon ein Mangel auf dem Arbeitsmarkt, Sie finden die Frauen gar nicht."

Das neue System würde auch Eichstätt vor Probleme stellen: Mindestens drei weitere Hebammen müssten beschäftigt werden, sind sich die Frauen einig. Doch das würde ihren Verdienst noch mehr schmälern, denn das Geld fließt in einen gemeinsamen Topf, den sich die Hebammen teilen. "Da muss ich mir überlegen, ob ich mir den Luxus, Geburtshilfe anzubieten, noch leisten kann", sagt Annerose Hiemer-Schneider, sie werde sich möglicherweise nach einem anderen Job im Gesundheitssystem umsehen. Kadi sieht das ähnlich: "Ich bin seit 30 Jahren Hebamme und ich liebe meinen Beruf, aber ich denke, dass viele in meinem Alter aufhören werden, weil sie es sich nicht mehr leisten können." Ihr Stundenlohn liege bei zwei Euro - brutto.

Denn nicht erst seit den Planungen der GKV ist die Situation für den Berufsstand bedrohlich. Seit Jahren kämpfen die freiberuflichen Hebammen gegen steigende Haftpflichtprämien. Im Juli 2016 mussten sie 6800 Euro bezahlen. "Als ich angefangen habe, waren es 300 Deutsche Mark im Jahr", sagt Kadi.

Doch warum lassen sich die Hebammen dann nicht fest anstellen? Sie wollen die Richtung, in die sich die Geburtshilfe entwickelt, nicht unterstützen. "Mehr Einleitungen, eine erhöhte Kaiserschnittrate mit festem Termin - das Ziel ist eine planbare Geburtshilfe, in der finanzielle Aspekte in den Vordergrund rücken", beschreibt Vera Huber die Veränderungen, "die der Geburt den natürlichen Rhythmus nehmen." Unter diesen Voraussetzungen wollen die vier Eichstätter Hebammen aber nicht arbeiten. Kadi war schon in einer großen Klinik beschäftigt und sagt: "Es heißt nur noch Patientin in Kreißsaal Nummer eins, zwei, drei, man kennt die Namen nicht mehr."

Außerdem könne eine Geburt "leicht einmal mehr als 15 Stunden dauern", fährt Kadi fort, wenn die Patientin also Pech habe, wechsle die Hebamme, weil ihre Schicht beendet ist. "Das ist bei uns eher unwahrscheinlich", sagt Huber, "denn unsere Schicht dauert 24 Stunden." Die Frau müsse sich also nicht an eine neue Bezugsperson gewöhnen. Eine schlechte oder unstete Betreuung führe aber nachweislich zu mehr Interventionen und Kaiserschnittgeburten.

"Das kann nicht das Ziel sein", sagt Huber bestimmt, und Bachmann sieht die Politik gefordert: "Wir Beleghebammen brauchen Hilfe."