Eichstätt: Die erste eigene Wohnung
Foto: Eva Chloupek
Eichstätt

Der Syrer Souhyb Kassem gehört nicht zu den Neuankömmlingen, die aktuell im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Er hat sein Land bereits vor knapp zwei Jahren verlassen und ist am 10. Juni 2014 mit seinem Sohn Hamzeh in Eichstätt angekommen. Mutter Hoda Alhafez und die kleinere Tochter Lian landeten aber erst am 11. September 2015 am Flughafen München: Es war eine dramatische Familienzusammenführung nach einem Jahr, drei Monaten und einem Tag aufreibenden Hoffens und Bangens und letztlich dank einer Leserin unserer Zeitung (wir berichteten). Seitdem ist die Familie in Sicherheit. Doch wo sollten sie wohnen?

Die Unterkunft, in der Vater und Sohn die Monate zuvor gelebt hatten, war zu klein für vier Personen. Außerdem war Kassem inzwischen als Bürgerkriegsflüchtling anerkannt und damit ein "Fehlbeleger", wie es im Amtsdeutsch heißt - denn die Unterkünfte werden für neu ankommende Flüchtlinge gebraucht. Also kamen die Kassems im Herbst in der Obdachlosenherberge der Stadt am Lüftenweg unter. Sie sind eine der Familien, die sich nach Flucht und Anerkennung samt Bleiberecht hierzulande auf dem hart umkämpften freien Wohnungsmarkt wiederfinden - und die sich in Ballungsräumen durchaus auch von Obdachlosigkeit bedroht sehen und auf der Straße landen können.

In Eichstätt bekommt allerdings noch jeder ein Dach über dem Kopf. Der Geschäftsleitende Beamte der Stadt, Hans Bittl, gibt einen Überblick über die aktuelle Situation: Zwei Familien mit insgesamt acht Personen sind derzeit in der städtischen Obdachlosenunterkunft in der Ingolstädter Straße untergebracht. Insgesamt sucht die Stadt aktuell 13 Wohnungen für anerkannte Asylbewerber - vier Einzimmerwohnungen für Einzelpersonen, drei Dreizimmerwohnungen und sechs Vierzimmerwohnungen für Familien. "Der Bedarf an preisgebundenen Sozialwohnungen steigt", sagt Bittl.

Deshalb plant die städtische gemeinnützige Wohnbaugesellschaft einen Neubau - voraussichtlich im Anschluss an die bestehenden Sozialwohnungen in der Eichendorffstraße, wie der Leiter des Liegenschaftsamtes, Dieter Vogl, bestätigt. Aktuell gibt es 102 städtische Sozialwohnungen, wobei die Unterschiede zwischen gebundenen Mietpreisen und freiem Markt in Eichstätt nicht so groß seien wie in Ballungsräumen, sagt Vogl. Die Durchschnittsmiete für eine Eichstätter Sozialwohnung liegt bei 4,58 Euro pro Quadratmeter, die Bandbreite reicht von vier bis etwas über sechs Euro. Bis der Neubau in der Eichendorffstraße steht, werden noch Monate oder Jahre ins Land gehen. Weil die Stadt selbst gerade keine Sozialwohnungen anzubieten hat und der Bedarf steigt, hilft sie auch bei der Suche auf dem freien Markt.

Die Kassems dürfen hier als besonders hoffungsvolles Paradebeispiel gelten. Ihren Vermieter fanden sie, wie Souhyb Kassem (36) dankbar betont, auf Vermittlung der Stadt. Auch wenn ihre Bleibe keine städtische Sozialwohnung ist: Die Miete zahlt wie bei Sozialhilfeempfängern üblich die Arbeitsagentur. Doch wenn es nach Souhyb Kassem geht, dann soll sich das möglichst bald ändern. Er war in der syrischen Hauptstadt Elektroingenieur, hat im Schichtdienst an Starkstromkabeln und Verteilstationen gearbeitet. Seine gleichaltrige Frau Hoda Alhafez arbeitete in Damaskus als Lehrerin. Sie sind froh über ihre Wohnung. Dass sie allerdings momentan auf fremde Hilfe angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist ihnen unangenehm. Ihr Ziel ist klar: "Lernen und arbeiten." Beide büffeln jeden Vormittag in Kolping-Kursen Deutsch. Souhyb Kassem ist natürlich schon ein paar Klassen weiter als seine Frau und kann sich inzwischen schon ziemlich gut verständigen. Er fiebert seinem Prüfungstermin für das "B 1-Zertifikat" im März entgegen. Wenn er das in der Tasche hat, dann kann er sich um Arbeit bewerben. Er hat auch schon eine Stelle im Visier: "Ich möchte zu Osram." Er will arbeiten, seine Familie ernähren.