Eichstätt: Den Mythos vom bösen Wolf entzaubern
Über die große Resonanz bei der Eröffnung der Sonderausstellung "Wölfe" im Jura-Museum auf der Willibaldsburg freuten sich Museumsleiterin Dr. Martina Kölbl-Ebert (von links), Museumspädagoge Andreas Hecker, Ausstellungsmitorganisatorin Helga Zumkowski-Xylander, Professor Dr. Willi Xylander und Professor Dr. Gerhard Haszprunar. - Foto: Kusche
Eichstätt

Mit umfassenden Informationen, eindrücklichen Fotografien und Exponaten sowie vielen überraschenden wissenschaftlichen Erkenntnissen will die Wanderausstellung aus Sachsen mit hartnäckig fortbestehenden Mythen und Halbwissen aufräumen. In Anwesenheit von rund 80 Gästen, darunter Zweite Bürgermeisterin Claudia Grund, Willi Xylander, Direktor des Senckenberg-Museums für Naturkunde in Görlitz, und Gerhard Haszprunar, Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, eröffnete Museumsleiterin Martina Kölbl-Ebert am Dienstagabend die Ausstellung.

Wölfe bewegen die Gemüter - das beweisen nicht nur aktuelle Medienberichte über die aus einem Gehege im Bayerischen Wald entlaufenen und teilweise bereits erschossenen Tiere. Außerdem ist der Wolf in Sachsen wild lebend unterwegs. "Unsere Vorstellung vom Wolf ist negativ geprägt", sagte Gerhard Haszprunar, Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Dieser latenten Angst mit aktuellem Wissen zu begegnen und dem Tier anstelle von überzogener Panik Respekt und Ehrfurcht zu zollen, sei Ziel der Wanderausstellung aus Görlitz.

Denn seit dem Jahr 2000 ziehen wilde Wölfe wieder ihre Jungen in der Lausitz im Osten Deutschlands auf. Begegnungen mit ihnen sind zwar sehr selten, denn der Wolf meide den Menschen. Aber er hinterlässt Spuren, die seine Anwesenheit verraten. Dieses Wissen um die Präsenz der Wölfe führe immer wieder dazu, dass sich haarsträubende Ansichten verbreiteten, falsche Zahlen kursierten und Abschussforderungen laut würden, betonte Museumspädagoge und Biologe Andreas Hecker. Grund genug für das Senckenberg-Museum Görlitz, an das seit 2016 eine bundesweite Forschungs-, Dokumentations- und Beratungsstelle für den Wolf angegliedert ist, eine Ausstellung zu konzipieren, die nicht nur den Spuren der Wölfe in Deutschland und Europa folgt, sondern auch Einblick in moderne Untersuchungsmethoden von Wildbiologen und die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Anwesenheit des Wolfes bietet.

Der Wolf ist kein Kuscheltier - das liegt auf der Hand. Der erwachsene Lausitzer Wolf braucht drei bis vier Kilo Nahrung pro Tag, kann auch zehn Kilogramm Fleisch auf einmal verschlingen und verzehrt im Schnitt 85 Huftiere pro Jahr, die Hälfte davon Jungtiere. Seine Beute riecht er schon zweieinhalb Kilometer gegen den Wind, denn seine 150 Quadratzentimeter große Riechschleimhaut hat eine 30-mal größere Oberfläche als die des Menschen.

Von 23 potenziellen Wolfsterritorien gehen die Forscher um das Görlitzer Senckenberg-Museum derzeit in Deutschland aus, erklärte Museumsdirektor Willi Xylander. Rund 150 Wölfe, so schätzt man, leben allein in Sachsen, vorzugsweise in Kiefernforsten, Heidegebieten und Mittelgebirgsregionen an der Oberlausitz und im Zittauer Gebirge, wo Wälder für Schutz und Nahrung sorgen. Die Wolfsforscher freuen sich: Gab es in Sachsen 2000 und 2001 gerade einmal ein Rudel, so stieg die Zahl inzwischen auf 15 Rudel sowie fünf bis sechs Paare und einen Einzelwolf. "Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange", meinte Xylander.

Die Wölfe breiten sich vom deutsch-polnischen Grenzgebiet nördlich von Dresden weiter Richtung Deutschland - nach Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen aus, wird prognostiziert. 250 Tiere umfasse bereits die deutsch-polnische Population, die wiederum auch in baltische Gebiete, nach Skandinavien und in den Balkan ausstrahle. Auch in Nordspanien und Nordportugal gibt es Siedlungsgebiete.

Willi Xylander berichtete zudem von den Wanderbewegungen der Wölfe: 1500 Kilometer in nur fünf Monaten legte Wolf "Alan" zurück, ein mit einem Halsband versehenen Oberlausitzer Wolf, dessen Signal sich nach Überschreiten der weißrussischen Grenze verlor. "Rolf" indes wanderte in 16 Tagesetappen von bis zu 75 Kilometern durch Sachsen und Grenzgebiete. "Es ist sehr gut möglich, dass sich Wolfspopulationen innerhalb Europas vermischen und somit in genetischem Austausch stehen", sagte Xylander.

Wie kann man feststellen, welcher Population ein Wolf entstammt? Auch dazu hält die neue Sonderausstellung spannende Informationen bereit. Über 7000 Wolfslosungen - also Kotreste - wurden untersucht, die Aufschluss über die Genetik der Tiere geben können. Viel Wissen zum Verhalten der Wölfe, ihrer Ernährung und deren Auswirkungen auf andere Tierarten wurde, wie die Sonderausstellung eindrucksvoll zeigt, durch die neuen Erkenntnisse auf den Kopf gestellt. Wer zum Beispiel glaubte, dass es bei Wölfen Alpha- und Omega-Tiere gibt, liegt falsch: Wölfe leben in Rudeln als sozialer Gemeinschaftsform; diese bestehen wiederum aus Familienverbänden von fünf bis zehn Wölfen - und dies ohne ausgeprägte Hierarchien. Filmaufnahmen der Lausitzer Wolfsrudel, zahlreiche Modelle, Präparate und akustische Installationen machen die Ausstellung zu einem Erlebnis für alle Sinne. Um Daten und Exponate zu Wölfen in Bayern hat das Jura-Museum die Sonderausstellung ergänzt.

 

Die Sonderausstellung ist bis zum 18. Februar 2018 täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Für Kinder und Erwachsene gibt es Führungen, ebenso eine Spezialführung für Jagdinteressierte. Anmeldung und Terminabsprache unter www.jura-museum.de.