Rund: Wanderung zu Wodan
Wandelndes Lexikon: Der Beilngrieser Heimatforscher Wolfgang Brand gewährt Einblicke in sein Wissen zur Stadtgeschichte. - Foto: Skrobanek
Beilngries

Nach der ungewöhnlich langen Kältephase in diesem Jahr freuen sich jetzt alle über die warme Sonne. Die ersten Sommertage will man natürlich unbedingt im Freien verbringen. Es ist endlich wieder die Zeit für Spaziergänge. Dabei kann man rund um Beilngries so manchen magisch anmutenden Ort entdecken. Aber nur wenige kennen die wahre Geschichte dahinter.

Wodansburg, Marienklause und Neuzeller Brunnen: Die Gegend um Beilngries ist geradezu gespickt mit kleinen Sehenswürdigkeiten, die die Fantasie in mystische und geschichtsträchtige Zeitalter entführen. Die Legenden, die sich um diese Orte ranken, und die reale Historie dahinter kennen aber nur Wenige. Wolfgang Brand, Vorsitzender des Verschönerungsvereins Beilngries und begeisterter Heimatforscher, gewährt Einblicke in die Beilngrieser Vergangenheit.

Marienklause


Idyllisch steht sie da, mitten im schützenden Grün des Waldes – die Marienklause. Die nahe gelegene Quelle formt sich zu einem schmalen Bächlein, eine Wasser-Lebensader. Aber wie kommt man auf die Idee, eine Kapelle mitten in den Wald zu bauen? Wolfgang Brand schlägt sein geistiges Geschichtsbuch auf und erzählt: „Man muss sich das so vorstellen: Beilngries war früher eine arme Ackerbürgerstadt, es gab keine Kanalisation, es hat fürchterlich gestunken. 1820 kommt dann die Wende: Beilngries wird zur Bezirksamtsstadt. In so einer Umgebung können die noblen Herren allerdings keine Gesetze machen. Also bringt man Kultur nach Beilngries, der Verschönerungsverein wird gegründet. In dieser Zeit des Biedermeier gingen die Menschen gerne spazieren. Sie fühlten sich wohl im beschaulichen Rahmen ihrer Familie. So errichtete der Verschönerungsverein die Marienklause als Ausflugsziel.“ Damals habe es auch noch keine Straße gegeben, das Bild des friedlichen Waldes, der nahezu unberührten Natur war noch unverfälschter. Ganz nebenbei erwähnt Brand, dass in dieser Zeit auch die Biergärten entstanden seien. Die Bürger seien auf ihren Spaziergängen zu den Felsenkellern gegangen – dort gab es Musik, eine Brotzeit und natürlich Bier. In der engen Stadt wäre dafür kein Platz gewesen.
 

Neuzeller Brunnen

Neben der beruhigenden Wirkung von Wasser, die man bei der Marienklause erleben kann, hatten Quellen für Menschen in früheren Zeiten noch eine ganz andere Bedeutung: frisches Trinkwasser. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Siedlungen in der Nähe von Quellen entstanden. So auch beim Neuzeller Brunnen. Die Siedler seien nicht so sehr auf Regenwasser angewiesen gewesen, das sie in Zisternen speicherten. Die nahe gelegene Quelle war für die Trinkwasserversorgung von Mensch und Tier wichtig. „Das Vieh wurde den Berg hinunter zur Quelle getrieben, wo es trinken konnte“, beschreibt Brand das Leben in der längst vergangenen Zeit. „Hier in der Umgebung gibt es viele solcher Quellen. Das Regenwasser sickert durch etliche Gesteinsschichten, bis es auf eine Lehmschicht trifft. Durch die kann das Wasser nicht hindurch. An dieser Stelle sind die Quellen entstanden. Allerdings eignete sich nicht jeder Quellenplatz gleich gut für eine Siedlung: Man siedelte vorzugsweise dort, wo es sonniger war“, erklärt der Heimatforscher.
 

Heiligenfelsen

Ein kleiner Orts- und Zeitsprung hin zum Heiligenfelsen bei Paulushofen. Brand schlägt wieder sein geistiges Lexikon auf: „Damals spendeten viele Leute Land oder Besitz an die Kirche, um für ihr Seelenheil zu sorgen. Solchen Kirchenbesitz nannte man Heiling. Besonders Reiche konnten sogar ein ganzes Kloster stiften, in dem es Aufgabe der Mönche war, bis in alle Ewigkeit für das Seelenheil der Stifter zu beten. Eine solche Angst hatten die Menschen damals, im Höllenfeuer zu verbrennen. Somit entstand für den Wald der Flurname Heiling, was namensgebend für den Heiligenfelsen war, der in diesem Waldgebiet zu finden ist.“ Der begeisterte Wanderer Brand erläutert, dass früher jedes Feld und jeder Wald eigene Namen hatten – die Flurnamen. Diese seien sogar noch auf alten Karten verzeichnet. Um den Heiligenfelsen rankt sich auch ein Mythos. Einst soll hier ein Jäger abgestürzt sein und den Tod gefunden haben. Seine sterblichen Überreste konnten nur mit der Hilfe seines treuen Hundes entdeckt werden.
 

Wodansburg

Der wahrscheinlich sagenumwobenste Ort bei Beilngries ist die Wodansburg. Bei Nacht soll Wodan aus seiner unterirdischen Burg auffahren und mit seinem Gefolge unter fürchterlichem Lärm von Peitschengeknall und Pferdewiehern über die Bergebene rasen. So geht das wilde Treiben weiter bis zum Morgengrauen, bei dem sich Wodan und seine Anhänger wieder in die Erde zurückziehen. Begegnet ihm bei seinem nächtlichen Treiben allerdings ein Mensch, so verschleppt er diesen in die Ferne. Legt sich die arme Seele aber mit über der Brust gekreuzten Armen auf den Rücken, so bleibt sie verschont. 

Ein Mann namens Thenn habe um das Jahr 1900 herum Grabungen an dem auffällig nach vorne stehenden Felsen vorgenommen, so Brand. Neben einigen Knochen und Scherben habe er auch den Altarstein gefunden, der bis heute sichtbar ist. In der Schule unterrichtete man die Kinder sogar von einer Blutrinne, in der das Blut der Opfergaben für Wodan hindurchlief. Man zeigte Bilder von stattlichen Germanen, von denen alle Deutschen abstammen sollten. „Für Kinder natürlich unheimlich faszinierend“, schmunzelt Brand, der sich an solche Schulstunden noch selbst zurückerinnern kann. Neben diesem möglichen geschichtlichen Hintergrund zur Wodansburg kennt er noch eine andere Variante: „Die Wodansburg ist sehr stark mit einer Ideologie aufgeladen. Die Germanen seien die Urväter der Deutschen gewesen, das gab den damals frisch zu einem gesamten Deutschland zusammengefügten Bundesländern ein Einigkeitsgefühl. Natürlich musste der große Steinblock dann auch von den Germanen stammen. Die eigentliche Gesteinsschichtung des Kevenhüller Berges, die aus großen festen Steinen – wie auch der Altarstein – besteht, wurde nicht bedacht. Die Funde von Thenn sind aus heutiger Sicht zudem nichts Außergewöhnliches“, schildert Brand. 

Der Aussichtspunkt in Beilngries trägt noch einen weiteren Namen, nämlich „Judenburg“. Der Heimatforscher muss nicht lange überlegen: „Dieses Areal hatte die Flurbezeichnung Judenburg. Darüber verlief der Judensteig. Ich habe da eine Vermutung: In Töging gab es eine Judenansiedlung, übrigens eine der wenigen, die der Fürstbischof duldete. Da die Juden aufgrund ihrer Religion keinen normalen Beruf ausüben durften, waren sie oft im Geldgeschäft tätig. Dieses Gewerbe war Christen verboten. So kam es oft dazu, dass Juden Sondersteuern zahlen mussten. Um auf ihrem Weg nach Sulzbürg keine Abgaben machen zu müssen, gingen sie durch den Wald, knapp hinter der Ortsgrenze. Begegnete ihnen ein Steuereintreiber, konnten sie geschickt auf den Grenzverlauf hinweisen und mussten keine Steuern zahlen. So entstand der Name Judensteig.“