Dietfurt: Von Dietfurt aus in die ganze Welt
Foto: Rosmarie Götz
Dietfurt

In der kleinen Holzwerkstätte waren damals bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigt. Rosmarie Götz erinnert sich: "Ich bin mit den Melodien der Spieluhren groß geworden. Irgendwo hat immer Musik herumgeklimpert. Ich bin bei der Produktion dabei gesessen und habe als kleines Mädchen gerne zugeschaut. Kaputt gehen durfte da nichts, da die Holzminiaturen und die Technik der Spieluhren sehr wertvoll waren."

Ihr Vater Emil stammte aus Haindorf im Sudetenland, wo er 1919 zur Welt kam. Der nordböhmische Wallfahrtsort im Isergebirge war mit seinen Märkten und Devotionalien, die als dort ansässige Volkskunst in Heimarbeit entstanden, ein bekannter und attraktiver Ort. Ähnlich wie die Schmuckstadt Gablonz in Kreuzmanns Heimat bildete Haindorf einen Mittelpunkt böhmischer Holzverarbeitung. Kreuzmann erlernte das Schreinerhandwerk. Vor Ausbruch des Krieges musste er zum Militär, machte den ganzen Krieg mit und kehrte nach englischer Gefangenschaft Ende 1945 nach Hause zurück. Im Herbst 1946 wurde die Familie aus ihrer Heimat vertrieben und nach einem Aufenthalt an der Ostsee schließlich in Dietfurt sesshaft.

Zunächst startete Kreuzmann in der engen Küche mit Holzschnitzarbeiten, gestaltete Kruzifixe und Krippen. Dann ging er dazu über, in vertieften Holzrahmen aus unzähligen winzigen Holzteilen zusammengefügte räumliche Darstellungen bayerischer Bauernstuben mit detailgetreuer Einrichtung in großer Kunstfertigkeit zu schaffen. Das Interieur in diesen dreidimensionalen Wandbildern wurde von seiner Ehefrau liebevoll bemalt. Als Souvenir an Besuche in Bayern wurden diese hochwertigen kunstgewerblichen Bauernstuben binnen kurzer Zeit sehr beliebt und fanden vor allem bei ausländischen Gästen und GIs derart großen Anklang, dass diese sogar nach Übersee exportiert wurden.

Bald schon befand sich Kreuzmann in der glücklichen Lage, mehrere Hilfsarbeiter einzustellen und baute am Ortsrand von Dietfurt in Richtung Breitenbrunn eine Baracke als Betriebsstätte auf, wo zeitweise bis zu 15 Mitarbeiter tätig waren. Auch die Kollektion wuchs beständig, das Sortiment wurde durch oberbayerische Almhütten erweitert. Bis in alle Einzelheiten dem Vorbild getreu waren die Dächer mit Steinen gedeckt. In zierlicher, feinstens ausgefeilter Arbeit aus zahllosen Einzelteilen zusammengefügt, farbig bemalt und lackiert waren die Hütten und Bauernstuben ein regelrechter Exportschlager in den frühen 1950er-Jahren.

Die Dächer ließen sich mitunter aufklappen und der Innenraum bot sich zur Aufbewahrung von Schmuck oder kleinen Gegenständen an, wie auch die einfacheren Musikspieldosen. Sobald das Dach angehoben wurde, erklang die Musik von der Spieluhr. Viele Objekte wurden mit Batterie elektrisch beleuchtet. "Die Spieluhren selbst waren wegen ihrer ausgeprägten Technik von größter Präzision. Mein Vater bezog sie damals aus der Schweiz", erinnert sich Rosmarie Götz. Sie hält das Erbe ihres Vaters in Ehren, hat Schnitzwerkzeuge und seinen Holzklüpfel aufgehoben und auch eine kleine Sammlung seiner kunstgewerblichen Werke. "Die Spieluhren spielten die damaligen Ohrwürmer, angefangen von An der schönen blauen Donau, O du lieber Augustin, In München steht ein Hofbräuhaus bis hin zur Loreley und Stille Nacht." Ihr Vater habe stets einen ausgeprägten Blick für das Detail gehabt, war ein sorgfältiger Beobachter, verfügte über viel praktische Intelligenz und wusste sich immer zu helfen.

Kreuzmann war es gelungen, weltweite Geschäftsbeziehungen aufzubauen, Luftpostbriefe und Kabeltelegramme in fremden Sprachen mussten mit Hilfestellung bewältigt werden. Auf der Frankfurter Messe und der Spielwarenmesse in Nürnberg stellte er Dietfurter Erzeugnisse aus. Emil Kreuzmann betrieb seine Holzwerkstatt, bis gegen Ende der 1950er, als die Nachfrage nach derartigen Souvenirs sank. Für die Stadt Dietfurt hatte er eine Informationstafel für Vereine mit Schnitzereien ausgestattet, die früher beim Rathaus aufgestellt war.

An Weihnachten holt Tochter Rosmarie eine kleine Spieldose heraus, zieht sie vorsichtig auf und lauscht mit der ganzen Familie andächtig den lieblichen Tönen von "Stille Nacht" und erinnert sich dabei an ein Stück Familiengeschichte.