Dietfurt: "Teure Heimat, sei gegrüßet"
Blick von der Teufelszinne auf Dietfurt: Vergangene Schülergenerationen haben die Zeit, als Dietfurt noch 2000 Einwohner hatte in ihren Aufsätzen festgehalten. - Foto: Stadtarchiv
Dietfurt

Nach Auskunft von Stadtarchivar Hans Hutter stammt das Werk aus dem Jahr 1951. Rund 50 Prozent der Aufsätze sind in der alten Schrift Sütterlin verfasst. Viele liebevolle Zeichnungen, aber auch erstaunlich viele Fotos aus der Zeit runden die Sammlung an Essays aus der Feder der etwa zehnjährigen Kinder ab. Die Niederschriften erfolgten im Zuge des Heimatkundeunterrichts. Die Schüler beschäftigen sich in den Aufsätzen unter anderem mit der Stadt und ihren Gebäuden, der Geschichte Dietfurts, der Umgebung, historischen Ereignissen sowie - ganz modern - mit Fragen von Bildung, Handel und Verkehr.

Unter der Überschrift "Teure Heimat, sei gegrüßet!" schreibt Karl Semmler: "Mein Heimatstädtchen heißt Dietfurt. Es liegt in einem Talkessel, in den sieben enge Seitentäler einmünden. ( ...) Den Talkessel umschließen sieben Berge und Höhenzüge. Den Gipfel des Kreuzberges ziert ein mächtiges Kreuz. ( ...) Dietfurt hat jetzt 2080 Einwohner, etwa ein Drittel davon sind Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten." Semmler beschreibt außerdem den Friedhof sowie aktuelle Ereignisse: "Der Friedhof ist sorgsam gepflegt und von einer hohen Mauer umgeben. Dort hält die Sebalduskirche bei unseren lieben Toten treue Wacht. Im Juli 1950 ist die alte Laberbrücke am Südostausgang der Stadt abgebrochen worden. An ihre Stelle kam eine neue und breitere Betonbrücke, die an den Seiten Steige für die Fußgänger hat. Im Frühjahr 1951 ist die neue Brücke dem Verkehr übergeben worden."

Bei der Lektüre der Aufsätze schlägt immer wieder durch, dass der Zweite Weltkrieg erst vor wenigen Jahren getobt hat. Der Tod ist den Schülern weitaus gegenwärtiger als den heutigen Generationen. So schreibt Dieter Strobel über den Dietfurter Friedhof: "Unter den blumigen Hügeln, Reihe an Reihe, liegen unsere Lieben und schlafen den ewigen Schlummer. Wandermüde Greise und springlebendige Jugend. Einer schläft draußen, der saß vor einem Vierteljahr noch bei uns in der Schule und hat mit uns gelacht. Unter Soldatenkreuzen schlafen junge Männer, die der Krieg in unser Tal verschlagen hat."

Die Kinder haben die Schrecken des Krieges selbst erlebt und gewiss häufig Traumata davongetragen. In klaren Worten beschreibt Paul Moll in einem langen Aufsatz den April 1945, als US-Truppen in Dietfurt einmarschierten. Aufgrund der vielen präzisen Details kann man davon ausgehen, dass der Bub selbst Augenzeuge vieler furchtbarer Ereignisse war: "Und wenn auch die beiden Weltkriege in fremden Ländern wüteten - dass sich nach unserem kleinen Städtchen ein Kanonenschuss, oder gar ein Feind verirren könnte, das hätte man niemals für möglich gehalten. Und doch kam der schwarze Tag für unser kleines Städtchen! ( ...) Und oft sahen wir nachts den Himmel blutigrot, wenn Nürnberg brannte, und das Krachen der Bomben war für uns wie ferner Donner. Im April 1945 kamen die Schreckensnachrichten immer häufiger auf. Und unsere größte Sorge und unser größter Kummer war: Sie kommen bald! Wann kommen Sie? Tiefflieger flogen den ganzen Tag über uns und schossen auf alles, was sie sahen ( ...) Überall wurden Panzersperren aufgebaut, so bei Haidhof, Altmühlmünster. Auf der Straße nach Breitenbrunn wurden dicke Bäume, die an der Straße standen, angesägt, damit man sie, wenn der Feind anrückt, schnell über die Straße werfen kann. Viele Papiere und Bücher wurden damals verbrannt, die dem Feind nicht in die Hände zu fallen brauchten. ( ...) Und da zogen sie schon herein, durch Dietfurts Straßen: Amerikaner, Weiße und Schwarze, in der gelbbraunen Uniform mit den modernsten Waffen ausgerüstet. Schnell waren die paar abgehetzten, ausgehungerten deutschen Soldaten überwältigt. Überall sah man sie mit erhobenen Händen vor einem schussbereiten Gewehr gehen. ( ...) Ein paar deutsche Soldaten mussten sogar noch ihr Leben hergeben und verbluteten nun auf dem Pflaster von Dietfurt. Inzwischen wurden alle Männer verhaftet, die den Amerikanern gefährlich erschienen: die Männer der Partei, der Bürgermeister und der ganze Stadtrat."

Glücklicherweise erlebte Dietfurt auch friedliche Zeiten, mit denen sich die Kinder in ihren Niederschriften beschäftigen. So arbeitete sich Margot Weinmann am Ludwig-Donau-Main-Kanal ab: "Der deutsche Kaiser Karl der Große hielt wieder einmal seinen Reichstag in Regensburg. Als er hörte, dass man einen breiten Graben haben wollte, der von der Donau bis zum Main gehe, entschloss er sich, den Bau zu beginnen. Aber viel ist daraus nicht geworden. Erst unter dem bayerischen König Ludwig ist der Kanal, so wie er jetzt aussieht, gebaut worden. ( ...) Jetzt ist der Kanal für den Wasserverkehr nur wenig brauchbar, und man sieht fast keinen Kahn fahren. Dafür soll ein großer Kanal für große Lastkähne gebaut werden, der den Main und Rhein mit der Donau verbindet. Vielleicht erleben wir das noch!" Mit dieser Prophezeiung sollte Margot Weinmann recht behalten. Der Main-Donau-Kanal wurde gut 40 Jahre, nachdem sie diese Zeilen geschrieben hatte, eröffnet.