Dietfurt: Backpinsel statt Farbpinsel
Seit Mai arbeitet Mohammad Dib Jehad (links) bei Bäckermeister Jürgen Reiß in der Bäckerei Spitzer in Dietfurt. - Foto: Hradetzky
Dietfurt

Nach Deutschland kam Mohammad am 10. November 2015. Seine Frau und die vier Kinder musste er in Damaskus zurücklassen. Geduldig wartet er darauf, dass sie wieder alle vereint sind. Seit Ende Mai arbeitet er bei Jürgen Reiß und dessen Frau Andrea. Reiß hat mit Flüchtlingen gute Erfahrungen gemacht. Auch Yahya Kanfash aus Syrien und Ali Al-Yasiri aus dem Irak unterstützen ihn in der Backstube, wo es nur geht. "Es ist schwierig, überhaupt geeigneten Nachwuchs zu bekommen", erklärt Reiß, der zehn Mitarbeiter in der Produktion beschäftigt. Über das Arbeitsamt Neumarkt habe Mohammad, der in der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Jurapension in Dietfurt untergebracht ist, damals telefonisch Kontakt aufgenommen. Am nächsten Tag stand er schon zum Vorstellungsgespräch bereit. Den sechsmonatigen Integrationskurs der Stufe A1 hat er abgeschlossen, nun spricht er Tag für Tag viel Deutsch mit seinen Kollegen.

"Er weiß bereits recht viel", bestätigt Reiß das Talent seines Mitarbeiters. Er verstehe es, Plundergebäck eigenständig zu rollen, zu füllen und zu veredeln, er macht Sauerteig, schwingt Brezen und schießt mit mir zusammen das Brot ein." Mohammad war in seiner Heimat Maler. Jetzt streicht oder besser gesagt glasiert er mit viel Liebe die Plunderteilchen. "Ich freue mich, wenn ich meinem Chef helfen kann und freue mich, weil die Menschen das, was ich mache, auch brauchen. Ich bin immer zufrieden, wenn ich in der Bäckerei arbeite", sagt er. Sein Vorgesetzter unterstützt ihn, wo er nur kann: "Die Familie zurücklassen zu müssen, die bislang noch nicht nachgezogen ist, das muss schrecklich sein. Mohammad kann sich hier etwas aufbauen. Wir bieten ihm, wenn er dies möchte, eine langfristige Perspektive und helfen ihm", versichert Reiß, der selbst Familienvater ist.

Es seien gerade die ungünstigen Arbeitszeiten, die den Nachwuchs abschrecken, den Beruf des Bäckers zu ergreifen. Der muss mitten in der Nacht aus den Federn. Es sei generell sehr schwierig, geeigneten Nachwuchs zu bekommen, meint Reiß.

Um drei Uhr nachts beginnt die Arbeit in Dietfurt für Mohammad. Derzeit ist er auf der Suche nach einer kleinen Wohnung, in der es tagsüber, wenn er schläft, ruhig ist. In der Asylunterkunft mit mehreren Bewohnern sei das manchmal schwierig. Außerdem wolle er seine Situation stetig verbessern, weiß Reiß. Er freut sich auch darüber, dass die Akzeptanz der Kollegen aus Deutschland gegenüber den Mitarbeitern mit Migrationshintergrund in seinem Betrieb sehr hoch ist. "Es gibt keinerlei Vorurteile", bestätigt er. Und Mohammad packt an, wo er gebraucht wird. "Er will arbeiten. Er ist auch sehr auf Hygiene und Sauberkeit bedacht", erzählt Reiß. Wenn dann die Arbeit getan ist, dann genießt auch Mohammad es, in die Apfeltaschen oder Nusshörnchen zu beißen. Bald wird ihm "mein Chef", wie Mohammad Reiß immer nennt, die Herstellung von ganz speziellen Gebäckstücken zeigen und ihn damit vertraut machen. Bald schon werden wieder feine Spitzl für den Spitzlmarkt gebacken, dann kommen Stollen und Plätzchen für Weihnachten und dann, im neuen Jahr die Krapfen von Bayrisch-China.

All dieses Gebäck ist dem Syrer völlig fremd. Denn in Syrien finden sich in Bäckereien vornehmlich Fladen, längliche Brötchen und Donuts. Doch Mohammad wird schnell wissen, wie die Spitzl dekoriert werden müssen. Da ist sich Jürgen Reiß ganz sicher. Er hofft, noch lange auf die Hilfe des Syrers bauen zu können.