Der große Moment ist gekommen: Domkapitular Josef Funk lässt die lange verschollene Glocke zum ersten Mal seit Jahrzehnten erklingen.
Rieger, Fabian, Beilngries
Beilngries

Umgeben von Taubenkot und Staub lagert ein Schatz. Als solchen kann man die über Jahrzehnte in Vergessenheit geratene Glocke durchaus bezeichnen. Domkapitular und Stadtpfarrer Josef Funk wagt mit Anton Keckl von der Kirchenverwaltung den Aufstieg in den Dachstuhl des ehemaligen Franziskanerklosters. Ganz unscheinbar steht sie da, die "Lamm-Gottes-Glocke". Und doch wird sie an diesem Vormittag zur "Hauptperson" eines historischen Ereignisses.

Bei einer Putzaktion ist der Klangkörper vor einiger Zeit wieder zum Vorschein gekommen. Für Pfarrer Funk war klar: Wenn jetzt in der Stadtpfarrkirche sowieso größere Arbeiten im Glockenstuhl anstehen, dann holen wir die achte Glocke auch gleich mit heim. Wie angekündigt, sind in den kommenden Wochen Fachleute am Werk, um die Glocken und die entsprechenden Aufhängungen fit zu machen für die nächsten Jahrzehnte. Um die Kosten stemmen zu können (von insgesamt rund 90.000 Euro muss die Beilngrieser Kirchenstiftung wohl 70.000 Euro selbst tragen), hat sich jüngst ein Freundeskreis St. Walburga wiedergegründet. Am Mittwoch fand nun der erste Stammtisch statt. Da gab es verständlicherweise ein ganz großes Thema: Die Heimkehr der verlorenen Glocke am darauffolgenden Morgen.

Fotostrecke: Glocke kehrt in Beilngrieser Stadtpfarrkirche zurück


Der Stadtpfarrer lässt es sich am Donnerstag gegen 9 Uhr nicht nehmen, das gute Stück schon im Dachstuhl das erste Mal zum Klingen zu bringen. Die Schar Gläubiger, die sich im Freien versammelt hat, hört davon freilich noch nichts. Dafür gibt es ein paar Minuten später etwas ganz Besonderes zu sehen. Angehängt an einem Kran hieven Fachleute die Glocke durch eine Luke im Dach ins Freie. Für einige Momente schwebt sie über den Köpfen der Beilngrieser. Auch der Glockensachverständige Thomas Winkelbauer ist gekommen. Alle warten auf den großen Moment: Wie hört sie sich wohl an? Domkapitular Funk schreitet zur Tat, er lässt den Klöppel, der nach wie vor im Klangkörper hängt, gegen die Bronzeform schlagen. Die Zuhörer sind beeindruckt. Organist Peter Sillner zückt sein Handy. Mittels einer App kann er den Ton bestimmen. "Ein niedriges A", sagt er den Versammelten.

Unter Beobachtung der Walburga-Statue kehrte der Klangkörper gestern Vormittag in die Pfarrkirche heim.
Rieger, Fabian
Beilngries

Winkelbauer und Funk nehmen derweil die Glocke mit all ihren Feinheiten unter die Lupe. 180 Kilogramm ist sie schwer. Laut dem Stadtpfarrer handelt es sich um die Zweitkleinste der Beilngrieser Glocken, nur die Sterbeglocke ist noch kleiner. Unter der Staubschicht ist eine Inschrift erkennbar: "Angnus dei quy tollys peccatta mu" heißt es dort. Das ist die lateinische Form des Ausspruchs "Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt" - allerdings mit einigen eigenartigen Schreibweisen und Verkürzungen. Genau diese Besonderheiten helfen Winkelbauer bei der zeitlichen Einordnung. Grob kann er die bereits zu Fuße des ehemaligen Franziskanerklosters vornehmen. In der Zeit zwischen 1400 und 1425 wurde die Glocke wohl gegossen, sehr wahrscheinlich in Nürnberg.

Der Glockensachverständige Thomas Winkelbauer begutachtete den erhaltenen Originalklöppel.
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Zu ihrem weiteren Weg kann der Stadtpfarrer ein paar Fakten nennen - viele Details müssen aber im Unklaren bleiben, weil schlichtweg die entsprechenden Überlieferungen fehlen. Das letzte Zeugnis zu dieser Glocke besagt, dass sie im Jahre 1908 mit vier weiteren Glocken im Nordturm der damaligen Stadtpfarrkirche - Letztere wurde kurz darauf durch einen Neubau ersetzt - aufgehängt war. Wie es danach mit dem "Lamm Gottes" weiterging, weiß man nicht. Auf irgendeinem Wege gelangte die Glocke jedenfalls ins frühere Franziskanerkloster, das Mitte des 20. Jahrhunderts zum Pfarr- und Jugendheim umgebaut wurde. Dort durfte sie wohl auch zeitweise erklingen, in den vergangenen Jahrzehnten fristete sie aber ein tristes Dasein. Zu den Glocken in der Stadtpfarrkirche, deren Anzahl auf sieben Stück anwuchs, kehrte sie nicht mehr zurück. Aber diese Zeit im Exil ist nun vorbei.

Etwa eine Stunde, nachdem der erste Ton erklungen ist, versammeln sich einige Interessierte am Kirchplatz. Die Glocke ist inzwischen dorthin transportiert worden. Die Menschen wollen miterleben, wie sie zum Nordturm emporschwebt. Die Fachleute erledigen ihre Aufgabe mit Routine und Präzision, gegen 11 Uhr ist die Glocke endlich wieder daheim. Spontaner Applaus am Kirchplatz. Die erste Etappe beim Gesamtprojekt Glockensanierung ist geschafft.