Beilngries: Abstürze und Geister der Lüfte
Gerade erst erschienen ist das neue Bildarchiv von Extrembergsteiger Kurt Diemberger. Es trägt den Titel „Unterwegs zwischen Null und Achttausend, Bilder aus meinem Leben“ und ist ab April im Buchhandel erhältlich. Kurt Rebele (rechts) bedankte sich bei dem Alpinisten für seinen Benefizvortrag zugunsten der Nepalhilfe Beilngries - Foto: Treffer
Beilngries
Dass Kurt Diemberger ein Anfänger am Computer ist, mag stimmen, dass er als Bergsteiger Leistungen vollbracht hat, die kein Zuhörer im Saal jemals erreichen wird, wird am Dienstagabend schnell klar.

Die Stille in dem abgedunkelten Saal macht die Spannung spürbar, die sich während der Erzählung des einzig noch lebenden Erstbesteigers von zwei Achttausendern ausbreitet.

Wieder einmal ist es Karl Rebele und seinem Team gelungen, einen ganz besonderen Gast zu gewinnen, der mit seinen Abenteuern das soziale Engagement der Nepalhilfe Beilngries unterstützt. Mit Filmausschnitten, die der preisgekrönte Fotograf und Kameramann durch Erzählungen unterlegt, entführt er die Zuhörer in die unendliche Weite der höchsten Berge der Erde. „Videokameras hat es noch nicht gegeben, Bild und Ton mussten extra aufgenommen werden“, erläutert Diemberger, der den ersten Synchrontonfilm auf dem Mount Everest gedreht hat. „Immer wieder habe ich das Panorama an diesem sonnigen und sehr trockenen Tag gefilmt.“ Am 9. Juli 1957 gelang Diemberger zusammen mit Hermann Buhl und zwei weiteren Gefährten die Erstbesteigung des 8051 Meter hohen Broad Peak. Am 13. Mai 1960 folgte die Erstbesteigung des Dhaulagiri, der 8167 Meter hoch ist. „Eine vernünftige Erklärung, warum wir uns den Anstrengungen und Gefahren immer wieder aussetzen, gibt es nicht. Vielleicht sind es die Kräfte, die da oben auf einen wirken“, versucht der Bergfilmer, der in Bologna lebt, seine Faszination an die Zuhörer weiterzugeben. „Nach unten wirkt die Schwerkraft und nach oben wirken die Winde, die einen forttragen wie auf einer Welle. Ich nenne sie die Geister der Luft.“

Fünf Jahre lang übt Diemberger den Beruf als Handelslehrer in Salzburg aus, bis er es nicht mehr aushält und er sich für „die Unsicherheit, die das Leben als Bergsteiger bringt“, wie er sich ausdrückt, entscheidet. „Ich habe diese Entscheidung nie bereut“, betont Diemberger, der im Verlauf von über 30 Jahren mehr als 20 Expeditionen zu den Hochgebirgen Innerasiens führte.

 

Freunde sterben

„Wer langsam geht, geht gut. Wer gut geht, geht weit . . ., wenn nichts dazwischenkommt.“ Immer wieder versteht der Experte es, die Gäste mit seiner ruhigen und humorvollen Art an diesem Abend zum Lachen zu bringen, als er erzählt, wie er als Bergführer einen reichen Besitzer eines Sportgeschäftes auf den Mont Blanc begleitet, wie dieser auf dem stillen Örtchen, das wie ein Schwalbennest am Berghang klebt, seine dicke Brieftasche verliert und wie er diese, gesichert an Seilen, kopfüber hängend wieder aus der Latrine fischt. „Dafür bekam ich einen guten Finderlohn und einen starken Schnaps vom Hüttenwirt“, lacht Diemberger. Aber nicht immer geht alle glatt als Entdecker der entlegensten Winkel der Erde. 25 Jahre jung ist der Alpinist, als sein väterlicher Freund Hermann Buhl bei der Tour auf der Ghogolisa (7668 Meter) in den Tod stürzt. Im Sturm ruft Hermann seine Gefährten zum Rückzug auf, denn wenn Luftwirbel die Spuren verwehen, besteht die Gefahr auf Wechten, das sind Plateauabbrüche an Geländekanten, zu treten. Kurz darauf bringt genau so eine Wechte Buhl den Tod, als er auf den Schneerand tritt und die Last mit ihm in die Tiefe bricht.

Auch seine langjährige Teamgefährtin Julie verliert der Charismatiker bei einem Höhensturm am K2. Von den sieben Bergsteigern kommen nur noch zwei lebend zurück. Er selbst überlebt das Drama nur knapp. Julie Tullis starb als erste britische Frau auf dem K2. Eine Weisheit lebt auch nach ihrem Tod weiter: „Die Schwerkraft gilt für alles, aber nicht für unsere Träume.“

 

Blitz streift erste Frau

Spannend bis zum Schluss bleibt sein Vortrag. Er berichtet von einem Lawinenabgang, den er und seine Gefährten wie durch ein Wunder überlebten, und von einer Bergtour, bei der seine erste Frau ein Blitz im Gesicht streifte, über die Hand in den Körper fuhr und am Fuß wieder austrat. Auch dieses Abenteuer ging gut aus. Diemberger zeigt dem staunenden Publikum das Foto seiner Frau mit den Verletzungen, die sie davon trug.

In fünf Büchern hat Kurt Diemberger sein Leben festgehalten. Das neueste Buch ist in diesem Monat im Buchhandel erschienen.