Kommentare müssen nicht zwangsläufig die Meinung einer Zeitung in sich bergen. Sie dürfen durchaus mit spitzer Feder und individuell verfasst sein. Sie sollten aber nicht neben der Realität stehen. Im Kommentar "Lupenreine Heuchelei" bezichtigt der Kommentator den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ob seiner Aussage, Viktor Orban stehe "auf dem Boden rechtsstaatlicher Grundsätze", der Heuchelei. Zudem bezeichnet er den ungarischen Ministerpräsidenten als Rechtspopulisten. Und er wirft ihm sogar vor, Furcht und Hass gegenüber Fremden zu schüren. Ungarn sei mit Polen, so meint er weiter, der größte Verhinderer in Europa. Nicht zuletzt, und das ist der Gipfel der unbotmäßigen Anschuldigungen gegenüber einem in freier Abstimmung gewählten Staatsoberhaupt, macht er Orban zum Vorwurf, dass dieser die "Soros-Universität" in Budapest schließen lassen will.

Was den Wissenshintergrund des Autors zu diesem Kommentar anbelangt, habe ich enorme Zweifel. Das beginnt schon mit der ständigen Verwendung des negativ behafteten Wortes "Populist". Wer sich einmal um die Definition dieses Wortes bemüht, wird feststellen müssen, dass eigentlich jeder Politiker - ob links oder rechts - als populistisch betrachtet werden kann, weil sich jeder - mehr oder weniger seriös - einen Stimmengewinn ergattern will. Was tut nun Orban in Wirklichkeit Böses? Er will, dem Willen seines nahezu ganzen Volkes entsprechend, erreichen, dass sein Land den Ungarn vorbehalten bleibt. Wer dies als Populismus bezeichnet, ist entweder ignorant oder als naiv zu bezeichnen.

Als "von hinten durch die Brust ins Auge geschossen" muss man den Sinn der Wette im Kommentar bezeichnen, der darauf abzielt, den CSU-Politikern verwerfliches Wegsehen von den "Übeltaten" des Viktor Orban zu unterstellen. Warum sollte ein bayerischer Politiker innerungarische Maßnahmen kritisieren? Diese innerungarischen Maßnahmen sind doch nur getroffen worden, weil das Gebilde Europäische Union immer noch nicht funktioniert. Europa hat es bis heute nicht geschafft, seine Außengrenzen zu schützen. Für Journalisten und alle nach außen wirkenden Meinungsträger wäre es die erste Pflicht, hier den Finger in die Wunde zu legen. Der Traum von den Vereinigten Staaten von Europa ist im Moment eine sinnlose Illusion.

Hans Schachtl

Oberstimm