Dieser Artikel hat mich mehr verwirrt als informiert, weil nicht klar wurde, welche Aufgaben das Handy in der Schule erfüllen soll. Was genau soll verboten werden? Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes hält Smartphones für eine Alternative, wenn Computer an Schulen fehlen. Das Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Katholischen Universität Eichstätt sieht sinnvolle Einsatzmöglichkeiten schon ab der ersten Klasse. Der Staatssekretär im Kultusministerium will die Chancen der Digitalisierung nutzen, ohne die Risiken, die er nicht benennt, aus dem Blick zu verlieren. Der Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands empfiehlt für jede einzelne Schule eine eigene passende Regelung. Der Landesschülersprecher der Gymnasien will, dass das Schülerforum die Nutzung des Handys beschließt. In der Pause findet er es gerecht, wenn jeder machen kann, was er will. Schließlich zählt der Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm eine Vielzahl von Schädigungen auf, die eine gesunde Entwicklung von Kindern negativ beeinflussen können. Dazu gibt es eine aktuelle Studie, die besagt, dass vor allem leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler vom Handyverbot profitieren, weil sie sich ohne Verbot schneller ablenken ließen. Dabei wurden die Testergebnisse von 16-jährigen Schülern vor und nach der Einführung eines Handyverbots an der jeweiligen Schule verglichen.

In Deutschland haben 84 Prozent der 12- bis 13-Jährigen ein Smartphone und 92 Prozent der 14- bis 19-Jährigen haben es auch in der Schule dabei. Jedes Bundesland hat bezüglich Smartphones seine eigenen Regelungen. Auf dem Bildungsportal des Landes Nordrhein-Westfalen gibt es zum Beispiel ein Dossier mit Ideen und Materialien für die Nutzung des Handys im Unterricht. Nur an bayerischen Schulen gibt es ein generelles gesetzliches Nutzungsverbot für Handys. Jede Lehrkraft kennt die Ausstattung seiner Schule. Bei der Unterrichtsvorbereitung werden die am nächsten Tag benötigten Medien entsprechend eingeplant. Sollte es keine stationären oder mobilen Computer an der Schule geben, könnten für Recherchen auch Smartphones eingesetzt werden. Um sich Informationen zu verschaffen, gibt es aber viele Alternativen: Computer, Tablets, Bücher, Diskussion, Befragungen, Unterrichtsgänge, Museumsbesuche, Betriebserkundungen usw. Die Lehrkraft entscheidet bei der Vielzahl an Möglichkeiten über den Einsatz der Unterrichtsmittel und sollte sich dabei an pädagogischen Lernprinzipien orientieren. Heute sind Schülerinnen und Schüler viel intensiver in die Erarbeitung von Inhalten eingebunden als früher, die Lehrkraft damit nicht mehr der alleinige Wissensvermittler. So können digitale Medien vielfach dazu beitragen, den Unterricht anschaulicher und somit wirklichkeitsgetreuer zu gestalten. Das spricht für den Einsatz digitaler Medien.

Was so einfach klingt, spiegelt aber nicht den Schulalltag wider. Die Störungen durch piepsende oder klingelnde Schüler- und Lehrerhandys lassen ein konzentriertes und aufmerksames Arbeiten nicht zu. Dies ist zwar meistens nur auf vergessenes Abschalten zurückzuführen, aber bewusst eingeschaltete Handys werden auch missbräuchlich eingesetzt. Handy und Smartwatch können heute den Spickzettel ersetzen. Außerdem kann man mithören oder mitlesen, was zum Beispiel in der Parallelklasse abgefragt oder geschrieben wird.

Dass auch Eltern die Möglichkeit haben, per Smartphone des Kindes im Unterricht mitzuhören, ist zwar ein Strafrechtsbestand, aber es ist nicht das erste Recht, das gebrochen wird. Auch heimliche Filmaufnahmen im Unterricht sind keine utopischen Vermutungen und verstoßen ebenfalls gegen das Strafrecht. Smartphones sollten an Schulen, wie in vielen beruflichen Bereichen, in denen vertrauliche Gespräche geführt werden, grundsätzlich ausgeschaltet sein. Für die Anschaffung digitaler Medien sind die Schulsachaufwandsträger zuständig und nicht die Schülerinnen und Schüler oder Eltern. Stehen Tablets und/oder Computer zur Verfügung, werden keine Smartphones gebraucht und es entfällt auch die gepulste Strahlung des Mobilfunks. Aufgabe der Schulen muss es sein, den Schülerinnen und Schülern eine Digital- und Medienkompetenz zu vermitteln, um zukünftig bestehen zu können.

Raimund Reibenspiess

Ingolstadt