Wo vor 40 Jahren Winnetou kämpfte
In Dalmatien sind die schönsten Reisewege aus Wasser. Himmelblaue Meeresstraßen, türkis schimmernde Flüsse und smaragdgrüne Kanäle feiern mit dem Himmel eine Hochzeit der Farben. "Sonnenstraßen" nennt Venco die Wasserrouten durch üppige Naturlandschaften. Meistens werden sie ihrem Namen gerecht. Aber nicht immer. "So viele Tage das Jahr hat, so viele Kornati-Inseln gibt es", ruft der Reiseführer und manövriert ein Motorschiff an den Steg. Eigentlich sind es "nur" 140 Inseln und Riffe. Die kleine Übertreibung sei Venco nachgesehen. Auf einer Fläche von 47 mal 8 Kilometern sind die Kornaten die größte Inselgruppe im Mittelmeerraum.
Die Felsformationen vor der Küste zwischen den Festungsstädten Zadar und Sibenik, ragen wie runzlige Rücken von versteinerten Sauriern aus dem Meer. Langsam wölbt sich ein grauer schwermütiger Himmel über die Szenerie. Vor Zadar nimmt das Boot Kurs auf das 40 Kilometer entfernte Vodice.
Das Ruder fest im Griff hält der Steuermann, den tänzelnden Kahn auf Kurs. Im Sekundentakt peitscht die tobende Gischt gegen die Scheiben des Führerstandes. Wie weit noch bis zur nächste Insel? Dicke, schwülstige Wolken lassen keinen Weitblick zu. Erst eine Stunde später beruhigt sich die aufgewühlte See. Im Schutz dicht beieinander liegender Eilande tuckert das Schiff in die Teascica-Bucht zur Dugi otok (Lange Insel). Die bestgeschützte und schönste Bucht der Kornaten entschädigt für das stürmische Abenteuer mit einem Blick von 180 Meter hohen Steilklippen auf das offene Meer.
Gastgeber auf Dugi otok mit seinen einsamen weiten Sandbuchten und -stränden sind Fischer und Bauern. In irgendeiner Inselkneipe sitzt bestimmt ein durstiger alter Seebär, der zum hundertsten Mal seine Geschichten vom "Schatz im Silbersee" erzählt. Für all jene, denen die Verfilmung von Karl Mays Roman noch in Erinnerung ist, wird der kleine Salzsee Mir zum Aha-Erlebnis. Wo sich heute junge Burschen vor einer verschwenderischen Naturkulisse im Wettschwimmen messen, kämpften vor 40 Jahren Winnetou und Old Shatterhand gegen das Böse.
Hinter Vodice schließt sich der nächste Höhepunkt aus Wasser und Stein an. Im Nationalpark Krka schiebt sich die Krka auf ihrem Weg in die Adria durch 200 Meter hohe Schluchten. Bei Skradinski buk führen von einer Wassermühle verwunschene Pfade durch einen Zauberwald zu 17 Kalksteinstufen, auf denen die Krka als Wasserfall die Hauptdarstellerin in einem rauschenden Fest ist. Das Sammelbecken ist ein tiefblauer See. Ein Motorschiff ist unterwegs zu den Kunstschätzen im Franziskanerkloster auf dem Inselchen Visovac, das sich wie ein Landschaftsjuwel im Wasser spiegelt.
Rustikaler und turbulenter war das Leben in dem ehemaligen Seeräuberhafen des Fischerorts Omis am Ende einer Schlucht, die der Fluss Cetina durch das Gebirge gefressen hat. Friedlich und beschaulich, im nächsten Moment wild, quirlig und ungezähmt zieht der Strom durch die versteinerte Landschaft.
"Vorwärts! Links zurück! Rechts zurück!" brüllt Vjenceslav seiner Crew Kommandos zu. Jetzt das Schlauchboot querstellen, Paddel aus dem Wasser! Im Nu bringt die Strömung das Gummioval wieder auf Kurs. Wo knorrige Weiden tief über Wasserstrudel hängen, heißt es blitzschnell runter in die Kauerstellung. Plötzlich ein spektakuläres Gefälle. Kräftig Gegenpaddeln und ab geht die Post durch eine Felsenge bis der Fluss wieder breiter wird. Fast lautlos treibt das Boot auf Stromschnellen vorbei an steile Bergwände. Bei Zadvarje werden die Schlauchboote ans Ufer gezogen. "Zivjeh" (Leben Sie hoch) begrüßen drei gut gelaunte Musiker die Ankömmlinge im Neretva-Delta bei Metkovic zur letzten ""our de Kroatia" auf dem Wasser. "Bitte einsteigen", weisen sie ihren Gästen Plätze auf einer Barke zu. "Aber du heißt Dunja" singt das Seerosen-Trio einen Schlager aus den 50er Jahren. Die Dalmatiner träumen zu Gitarrenklängen vom Meer und schluchzen kroatische Schicksalsmelodien mit einer Hingabe, die jeden verliebten Italiener vor Neid erblassen ließe. Mit gemächlicher Fahrt passt sich das Boot dem Melodienreigen an. "Besonders schön ist es hier im farbenprächtigen Mai oder im September zur Mandarinenernte", versucht Venco einen beliebten Gassenhauer der Seerosen zu überstimmen. Zwecklos. Die ganze Tischgesellschaft hat bereits mit eingestimmt.
Informationen: Kroatische Zentrale für Tourismus, Kaiserstraße 23, 60311 Frankfurt/Main; Telefon (0 69) 2 38 53 50; Fax (0 69) 23 85 35 20; Internet: Nationalpark Kornati: www.np-kornati.hr / Nationalpark Krka: www.npkrka.hr / Kroatien allgemein: www.kroatien.
Von Manfred Lädke
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