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07.10.2005 11:58 Uhr | x gelesen
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Sprachliche Barrieren behindern Zusammenleben


Bild: Sprachliche Barrieren behindern Zusammenleben.  Ingolstadt (DK) Eine frische Herbstbrise bläst um die Hochhäuser an der Ewald-Kluge-Straße. Im Windschatten einer Mauer sitzen Männer an ausrangierten Campingtischen und spielen Schach oder Domino. Sie sitzen immer hier, trotz Wind und Wetter. „Wir fluchen beim Spielen, das gefällt den Frauen nicht. Deshalb sind wir hier“, erklärt einer der Männer in gebrochenem Deutsch, und der neben ihm nickt und lacht, den Mund voller Goldzähne. Deutsch spricht hier sonst kaum jemand.

Ingolstadt (DK) Eine frische Herbstbrise bläst um die Hochhäuser an der Ewald-Kluge-Straße. Im Windschatten einer Mauer sitzen Männer an ausrangierten Campingtischen und spielen Schach oder Domino. Sie sitzen immer hier, trotz Wind und Wetter. „Wir fluchen beim Spielen, das gefällt den Frauen nicht. Deshalb sind wir hier“, erklärt einer der Männer in gebrochenem Deutsch, und der neben ihm nickt und lacht, den Mund voller Goldzähne. Deutsch spricht hier sonst kaum jemand.


Ein paar hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Ettinger Straße, jagt der Herbstwind Blätter über die Audi-Piazza und spielt mit den Krawatten zweier junger, elegant gekleideter Männer, die nach Feierabend auf dem Weg zur Tiefgarage sind. Auch bei Audi spricht kaum noch jemand normales Deutsch – hier bedient man sich einer eigenen Sprache, der des Premium-Segments.
 
Zwei Welten. Zwei Gesichter des Piusviertels. Auf der einen Seite, Beispiel Audi, modernste Technologie in eleganter oder zweckmäßiger Architektur. Über 31 000 Menschen arbeiten hier, fertigen 2200 Autos pro Tag. Auf der anderen Seite wachsen Arbeitslosigkeit und Armut, die hinter schäbigen Hochhausfassaden hausen. Zwischen den Wohnblöcken viel Grün, aber noch mehr Autos. 

Früher war viel Platz
 
Mein IN - Piusviertel
40 Jahre ist es her, da entstand auf dem Reißbrett der Plan für ein Stadtviertel für über 10 000 Menschen. Ein paar Ingolstädter, die sich bis heute eigentlich nicht als Piusviertler fühlen, wohnten damals schon in der Gegend, in der so genannten VdK-Siedlung. So wie Schneidermeister Fritz Hoyer, lange Jahr Kreishandwerksmeister und CSU-Stadtrat, der 1959 ein Eigenheim an der Ettinger Straße baute. „Was wollt ihr denn da draußen?“, hätten die Leute damals gesagt, erinnert sich der Sohn des inzwischen Verstorbenen, der heute wieder mit seiner Familie in dem Haus lebt. Peter Hoyer: „Damals war nichts hier, die Waldeysenstraße und die Auto-Union-Straßen waren Feldwege, auf denen wir Buben unsere Radlausflüge gemacht haben. Damals war noch viel Platz da draußen.“
 
Heute ist es eng geworden für die über 18 000 Menschen im Piusviertel. Nachverdichtung nennt sich das. Aber die „Bronx von Ingolstadt“, einer der bösen Spitznamen für den sozialen Brennpunkt, hat nicht nur ihre Schattenseiten. Seit Start des Projekts „Soziale Stadt“ im Jahr 2001 ist auch viel Licht ins Viertel gebracht worden. Und Geld: Etwa vier Millionen Euro wurden investiert in Spielplätze, in die Verschönerung von Wohn- und Parkanlagen – aktuelles Beispiel ist der Platz vor der Schule an der Ungernederstraße – sowie in ein Quartiersmanagement, das die Lebensqualität für viele Bewohner deutlich gesteigert hat.
 
Vor allem hat das Piusviertel mit seinen vielen Gesichtern endlich eine Seele und ein Herz bekommen. Im Stadtteilbüro und Stadtteiltreff „La Fattoria“ an der Pfitznerstraße ziehen Bettina Nehir und Gudrun Schmachtl die Fäden und weben ein Netz, das viele Menschen auffängt: Alte und Junge, solche, die Hilfe suchen oder einfach nur Gesellschaft. Man kann sich zwanglos treffen im Stadtteilcafé, kann den Spieleabend besuchen oder sich dem Wandertreff anschließen, es gibt eine Vorlesestunde und eine Singgruppe für Kinder, ein Schülercafé, einen Mittagstisch und Einkaufservice für Senioren, Ausstellungen, Filmprojekte, Tanz- und Handarbeitskurse und vieles mehr.
 
Doch es geht nicht nur um Geselligkeit und Zeitvertreib. Auch das Projekt der Suchtprävention für junge Russlanddeutsche ist inzwischen dem Quartiersmanagement angegliedert. Feste Beratungszeiten für Aussiedler und Ausländer, Bürgersprechstunden von Stadträten und von der Caritas-Beratungsstelle für psychische Gesundheit ergänzen das Angebot. Und eine ganz wichtige Rolle spielen die Sprachkurse.
 
Mein IN - Piusviertel
In den sprachlichen Barrieren sehen eigentlich alle Menschen, die sich fürs Viertel engagieren, die größten Probleme. Kimete Besimi vom Ausländerbeirat, die seit elf Jahren im Piusviertel lebt und seit zwei Jahren Deutschkurse gibt, bringt es auf den Punkt: „Es ist doch katastrophal, wenn man seit vielen Jahren in Deutschland ist, aber noch immer einen Dolmetscher braucht, wenn man mal zum Arzt muss.“ Um die Menschen zu überzeugen, wie wichtig die Sprache ist, ergreift die aus Mazedonien stammende Frau auch ungewöhnliche Maßnahmen: „Ich bin einfach in die Häuser gegangen und hab’ geklingelt. Und alle waren nett zu mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich selber Moslem bin, denn es gibt ja auch Vorurteile gegenüber den Deutschen. Man muss einfach mit den Menschen reden und sich sehen lassen.“
 
Für die engagierten Bürger ist es oft sehr ernüchternd, wenn Sprachkurse wegen mangelnden Interesses nicht stattfinden, obwohl sogar für  Kinderbetreuung gesorgt ist. Kimete Besimi erzählt von Frauen, die schon seit 20 Jahren in Ingolstadt leben und kein Deutsch können außer den Worten „Edeka“ oder „Norma“. „Die leben in den eigenen vier Wänden, weil die Männer ihnen das so sagen, und kommen nur mit Landsleuten zusammen. Diese Frauen haben Angst davor, für dumm gehalten zu werden, wenn sie nach so langer Zeit einen Sprachkurs besuchen.“
 
Kimete Besimi und Zvonimir Potocnik sind vom Ausländerbeirat als Verbindungsleute zu den verschiedenen Arbeitskreisen im Projekt „Soziale Stadt“ gewählt worden. Für Bernd Sikora vom AK Zusammenleben eine neue Hoffnung, Kontakt zu den vielen Migranten aufzunehmen. Bisher gelang das nicht in gewünschtem Maße: Aktionen wie der „internationale Stammtisch“ sind kläglich gescheitert. „Erst dachten wir, ,Stammtisch’ klänge vielleicht zu deutsch und haben das Ganze in internationale Runde umgetauft, aber auch das hat nichts gebracht.“ In Zukunft werde man verstärkt den Kontakt ausländischen Kulturvereinen suchen. „Von dieser Vielfalt der Kulturen können doch alle profitieren.“ 

„Soziale Stadt“  bis 2006
 
Warum setzen sich Menschen wie Sikora trotz aller Rückschläge so ein für das Zusammenleben im Viertel? „Es liegt mir daran, etwas zu bewegen, dass sich etwas zum Positiven verbessert“, meint der 65-jährige Rentner. „Aber das ist eine langwierige Geschichte. Deshalb wäre es auch katastrophal, wenn das Projekt ,Soziale Stadt’ im nächsten Jahr auslaufen würde. Denn es fängt gerade erst an zu wirken.“
 
Mein IN - Piusviertel
Damit spricht Sikora ein heikles Thema an, mit dem sich der Stadtrat schon bald auseinander setzen muss. Die „Soziale Stadt“ im Piusviertel ist bis 2006 befristet, dann versiegt die Quelle, aus der die Fördermittel bisher so reichlich sprudeln. Auch Siegfried Bauer vom Stadtplanungsamt hält eine Verlängerung bis 2008 für notwendig, obwohl ab kommendem Jahr entweder im Augustin- oder Konradviertel die zweite „Soziale Stadt“ gegründet werden soll. Bauer: „Ich kann nur sagen: unbedingt weitermachen. Die Mittel von Bund und Land stehen üppigst zur Verfügung, denn sie werden kaum abgerufen. Das Problem ist der Anteil von 40 Prozent, den die Stadt aufbringen muss. In der Vorplanung für 2006 stehen jedenfalls nochmals zwei Millionen Euro zur Verfügung.“
 
Eigentlich verfolgt die „Soziale Stadt“ das Ziel, dass die Bürger eines Tages selber ihr Quartiermanagement übernehmen. In Neuburg hat das funktioniert, allerdings in einem wesentlich kleinerem Bereich, um den sich jetzt der Verein „Ostend“ kümmert. Doch das halten Sikora und auch Christa Schmoll, die sich in fast allen Arbeitskreisen engagiert, im Piusviertel für unmöglich. „Ich sehe keine Möglichkeit, das alles ohne das Stadtteilbüro, ohne Frau Nehir und Frau Schmachtl, aufrecht zu halten.“ 

Doch nicht tierisch gut?
 
Wie fremd sich die Menschen noch sind und wie viel es noch zu tun gibt, zeigt das traurige Ende der Aktion „Es lebt sich tierisch gut im Piusviertel“. Kinder und Jugendliche hatten unter Anleitung der Künstlerin Sieglinde Bottesch mehr als 30 Tierfiguren entworfen, angefertigt und bemalt, die im Juli im ganzen Stadtteil aufgestellt wurden. Es dauerte jedoch keine drei Tage, da waren die meisten der bunten Kunstwerke zerstört. „Wir sind voll wütend“, sagen Sahin und Muhammed aus der sechsten Klasse der Hauptschule an der Herschelstraße, die auch zum Pinsel gegriffen hatten. „Die Typen, die alles kaputt gemacht haben, die denken, das ist cool. Die fanden die Figuren kindisch und wollten zeigen, dass sie was Besseres sind.“ Die zwölfjährige Sonia ist eher traurig: „Das war so viel Arbeit, und die Farben und alles andere haben viel Geld gekostet. Vielleicht sollte man einfach nichts mehr machen.“
 
Oder sollte man vielleicht doch wieder neue Tierfiguren malen? Die Leute vom Sozialdienst katholischer Frauen war zunächst auch wie betäubt, als im Sommer 2004 im Piustreff Teile der Einrichtung kurz und klein gehauen wurden. Aber schon kurz danach wurde das Jugendzentrum wieder geöffnet und renoviert. Vielleicht die einzige Möglichkeit, dem Vandalismus und der zunehmenden Gewaltbereitschaft unter den jungen Menschen die Stirn zu bieten.
 
Und trotz solcher Rückschläge, trotz des Verkehrslärms und der dichten Besiedlung leben Menschen wie Christa Schmoll oder Peter Hoyer, übrigens beide auch Mitglieder des Bezirksausschusses Nordwest, gern im Piusviertel. „Man sollte vielleicht ein paar Häuser wegsprengen, dann wäre mehr Platz“, so Hoyer. Bernd Sikora wohnt seit 1968 in so einem typischen Hochhaus an der Herschelstraße. „Der Gedanke wegzuziehen war früher schon da. Aber uns gefällt es einfach hier. Die Wohnung liegt zentral, es gibt sehr gute Busverbindungen und Einkaufsmöglichkeiten und sogar einen Wochenmarkt,und die Nachbarn sind auch nett. Außerdem: Es geht doch nicht, wenn alle weg wollen.“

Von unserer Redakteurin Suzanne Schattenhofer

 
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