Ingolstadt (DK) Wer sich in den drei Ingolstädter Ortsteilen Pettenhofen, Irgertsheim und Mühlhausen auf die Suche nach Gemeinsamkeiten macht, der wird ziemlich rasch das Bild von verträumten Dörfern weit weg von der Großstadt als Illusion abtun. Nachdem sich die Bauern im Hauptberuf mittlerweile an einer Hand oder gar nur drei Fingern abzählen lassen, kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass die Uhr schon ziemlich lange ziemlich anders tickt.
Wenn auch nicht mehr wie früher die Fuhrwerke durch die Dörfer rollen, wo manches Schwätzchen am Rande möglich war, sondern die Bäuerin drinnen allein in der Stubn am Laptop die Buchhaltung mit dem hochgerüsteten Maschinenpark macht; wenn es auch nicht mehr wie früher dem Großbauern selbstverständlich ist, obgleich er schon den Hof an die nachfol-gende Generation abgegeben hat, immer noch hoch geachtet seinen Platz zu behaupten – eines steht für die meisten im Ort aber unverbrüchlich fest: Die Dorfgemeinschaft muss erhalten bleiben.
Bild: Foto: SawatzkiDie Wallfahrtskirche St. Marien in Pettenhofen.
Dafür stehen nicht nur Anton Späth und Josef Gößl von der Freiwilligen Feuerwehr in Pettenhofen ein, die in diesen Tagen gemeinsam mit Kameraden und Freunden nach unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden dem neuen Feuerwehrhaus den letzten Schliff geben, dafür steht auch die betagte Bauersfrau in Mühlhausen, die vor der großen Hinweistafel bei der Kirche partout nicht aufs Bild drauf will – "naa, da holns fei junge Leut, i bin doch scho 82" –, und dafür steht auch Barbara König in Irgertsheim, die seit 1985 mit ihrem Mann Joachim die Bäckerei und Konditorei König" führt (bereits für das Jahr 1890 ist in der Chronik ein Backbetrieb vermerkt) und die Bezeichnung Tante-Emma-Laden gar nicht gern hört. Wenn sich in ihrem Laden, dem einzigen in Irgertsheim, die Kunden über die Sparkasse das Maul zerreißen, von der nur noch anonyme, stählerne Automaten übrig geblieben sind, und die hiesigen Geschäftsleute allein wegen dem Wechselgeld nicht nach Gerolfing wollen und stattdessen lieber zur örtlichen Konkurrenzbank gehen, oder wenn über den öffentlichen Nahverkehr geschimpft wird und die Busse, die immer seltener kommen – dann hört man irgendwann irgendjemanden trotzig sagen: "Kloa kriagn lassn wir uns fei ned!"
Bild: Foto: SawatzkiIn der Bäckerei-Konditorei König bietet Barbara König die bekannten Irgertsheimer Salzspitzel feil.
Wenn auch die meisten Irgertsheimer auf dem Weg zur Arbeit in die Stadt, raus aus dem Dorf, jeden Tag an ihrem – wie sie es selber nennen – "Negativ-Wahrzeichen", dem alten Siloturm, vorbeimüssen, so ist dieser still gelegte Betonklotz doch nicht alles, was ihren Ort ausmacht. Dazu zählen vielmehr einige klein- und mittelständische, leistungsfähige Betriebe ebenso wie die lebendigen Vereine, die mit Stolz auf Namen wie Steffi Mirlach, die Fußball-Nationalspielerin, oder Gabi Bauer, die erfolgreiche Schützin, verweisen.
Bild: Foto: SawatzkiDer Blick vom Moosweg auf Pettenhofen.
69 Stufen führen zu der Marienwallfahrtskirche in Pettenhofen hinauf, ein Weg, der schon un-endlich viele Prozessionen erlebt hat und den auch heute immer noch gerne Hochzeitspaare nehmen . Fast täglich schließt Christel Ernst, die gleich nebenan wohnt, die Tür zur weithin bekannten Pfarrkirche auf – "weils für mich halt am nächsten ist". Den Pettenhofenern ist sie allerdings weniger durch diese Tätigkeit bekannt, sondern vielmehr durch ihre politische Arbeit. Sie und auch der Politiker Hans Joachim Werner kandidierten bei der vergangenen Oberbürgermeisterwahl – gleich zwei Pettenhofener, die sich das höchste Amt in der Stadt zutrauten.
Zahlreiche Renovierungen und Veränderungen hat die Pfarrkirche Mariä Geburt seit ihrem Bau im 12. Jahrhundert über sich ergehen lassen. Viele Kostbarkeiten von früher sind noch erhalten und hinter hohen schmiedeeisernen Gittern sorgsam verwahrt: ein Taufstein, vermutlich aus dem Frühbarock, imposante Deckengemälde, im barocken Stil von Johann Michael Franz im Jahr 1778 gemalt, oder auch der spätbarocke Hochaltar mit der spätgotischen Madonnenfigur.
Bild: Foto: SawatzkiDie Freude am Garteln ist in Mühlhausen überall präsent.
Dass die Leute in dieser Gegend außer an ihren Gasthäusern und der Pflege des Vereinswesens auch an ihrer christlichen Tradition festhalten und immer wieder im Klingelbeutel was für die Erhaltung auch der kirchlichen Bauten übrig bleibt, zeigt sich am Beispiel der Pfarrkirche in Mühlhausen. Vergangenen Donnerstag war dort der Architekt (und Ingolstädter Stadtheimatpfleger) Peter Braun zugange. Die Treppe zwischen den beiden uralten Linden hinauf zur Kirche soll erneuert werden. Ihm blute jedes Mal fast das Herz, wenn er solche Betontreppen zu Gesicht bekomme, meinte Braun. Frostsichere Jurasteine will er stattdessen setzen lassen, wobei die zwei untersten Stufen etwas breiter sein werden und damit den einladenden Charakter betonen sollen. Für Gehbehinderte wird rechts davon eine kleine Rampe geschaffen. Auch der unmittelbare Eingang zu der einstigen Wehrkirche mit der hohen, gotischen Dachstruktur soll durch Jurapflaster erneuert werden. Angesichts des kleinen Friedhofs davor wollte der Historiker am liebsten die Augen verschließen: "Warum hams ned die schmiedeeisernen Kreuze gelassen und stattdessen die neumodischen Granitsteine reingsetzt?" Sein Rat: "Den Blick bewahren für das alte Schöne – und nicht allein auf die Zukunft schielen."
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